Jürgen Teipel
NEU VORWORT LESEPROBE PROTAGONISTEN VITA KONTAKT
Jürgen Teipel - Unsere unbekannte Familie
Es ist schwer zu sagen, was letztlich der Anlass für dieses Buch war. Vielleicht mein Faible für die Ameisen hinter unserem Wohnblock, das irgendwann – ich war acht, neun Jahre alt – dazu führte, dass ich ihnen alle möglichen Streichholzkonstruktionen baute. Brücken, Häuser (sogar mit Fenstern!) ... Wobei sie die Brücken gerne annahmen, die Häuser allerdings nie. Oder war es meine Empörung, als ich im Frühjahr 1985 im New Musical Express ein Interview mit der englischen Band The Smiths las über ihr neues Album Meat is murder – und darunter einen weiterführenden Artikel über die schlimmen Zustände in englischen Schlachthöfen. Seitdem bin ich – mit Unterbrechungen – Vegetarier. Oder war es doch der Abend mit einem australischen Freund, der in größerer Runde erzählte, wie er dem Hund seiner WG schweren Herzens ein anderes Zuhause in einer anderen Stadt gesucht hatte und wie dieser auf einmal wieder vor der Tür stand – und mir bei einem Blick in die Runde auffiel, wie sehr alle an den Lippen unseres Freundes hingen. Ein jeder wollte, dass der arme Hund wieder nach Hause kam. Und als er es geschafft hatte: »Yeah!«
Wie auch immer: All diese und ein paar weitere Erlebnisse stießen in mir etwas an. Ich merkte, wie leicht Tiere eine ganz andere Welt eröffnen können.
Bis sich ein weiterführender Plan entwickelt hatte, dauerte es aber erst noch mal einige Jahre. Er bestand schließlich darin, ein Buch mit dokumentarischen Tiergeschichten zu schreiben. Nur kam mir das allein zu banal vor. Oder zu wenig künstlerisch. Zu wenig selbstverwirklichend. Deshalb wollte ich diese Geschichten durch einen fiktiven Erzähler zusammenhalten, der zwar doch irgendwie ich war, aber cooler, interessanter, lustiger.
Ich ging also los und traf ein paar Leute aus meinem Umfeld oder mit denen ich über ein, zwei Ecken zu tun hatte; denn es war mir klar: Ich wollte nicht durch Recherchen nach möglichst interessanten Erzählerinnen und Erzählern suchen, sondern das Buch organisch zustande kommen lassen. Verwirrend fand ich nur, dass die dokumentarische Arbeitsweise von Anfang an derart gut funktionierte, dass sich die Idee mit dem coolen, fiktiven Ich-Erzähler eigentlich schon nach fünf Minuten erledigt hatte. Eigentlich. Denn in den nächsten beiden Jahren durchlief ich den üblichen Arbeitsprozess: Etwas liegt genau vor der eigenen Nase, aber man will oder kann es nicht sehen, weil man zu sehr auf seine starren Vorstellungen fixiert ist. Erst als ich mich davon löste, erkannte ich, dass es genau um das ging, was ich von vornherein gewollt hatte: eine ganz einfache Sammlung von Tiergeschichten. Nichts sonst. Eine wunderschöne, klare Form.
Nun konnte ich also wieder loslegen und das tun, was am besten funktionierte und was ich auch am liebsten mochte: Leute zu treffen, die etwas zu erzählen hatten. Jetzt allerdings nicht mehr in und um meinen Bekanntenkreis herum, sondern ich konnte das Ganze auf einmal richtig fließen, eins zum andern kommen lassen. Es war wie bei einer Dominoreihe. Ich traf jemanden, und der- oder diejenige empfahl mich hinterher anderen Leuten. Wobei meine Funktion bei den meisten Treffen erst mal darin bestand, überhaupt eine Geschichte herauszukitzeln. Oft waren die Leute sich unsicher, was sie überhaupt erzählen sollten. Nicht selten saß man stundenlang zusammen – und erst wenn man es auch hier schon aufgegeben hatte, ergab sich plötzlich eine Geschichte, ein übergreifendes Thema, ein Bild oder dergleichen.
Beim Aufschreiben der Geschichten ging es mir in erster Linie darum, die persönliche Sprache der Erzählerinnen und Erzähler weitestgehend zu erhalten. Das war nicht in allen Fällen möglich, weil die Geschichten – da Menschen nun mal nicht immer schön chronologisch erzählen – zumeist völlig umstrukturiert werden mussten. Außerdem war es nötig, das Erzählte zu verdichten, denn häufig erzählen sie Unwesentliches, lassen dafür aber Wesentliches erst mal außen vor oder nehmen eine Abkürzung genau an der Stelle, an der es eigentlich interessant geworden wäre. Es ging also auch jedes Mal um ein Abwägen zwischen der lebendig-authentischen, aber unperfekten Struktur des mündlich Erzählten und dem schönen, klaren, gewohnten Schriftdeutsch; sodass sich die Hauptfrage, die fast alle Geschichten aufwarfen, möglichst deutlich herausschälen konnte: Wie gehen wir eigentlich mit Tieren um? Und damit meine ich nicht nur den beschämenden Umgang mit sogenannten Nutztieren in der konventionellen Landwirtschaft oder in der Massentierhaltung. Ich meine damit genauso den klitzekleinen Vorbehalt, den auch eine der Erzählerinnen im Buch beschreibt, durch den der Mensch das Tier nicht als gleichwertigen Zeitgenossen auf dieser Erde akzeptiert. Denn eins ist für mich inzwischen klar: Natürlich sind Menschen und Tiere in vielem äußerst unterschiedlich, aber auf existenzieller Ebene sind sie das keineswegs. Die grundlegenden Faktoren unseres Daseins und damit auch die wichtigsten Reaktionen darauf (Freude, Angst, Habenwollen, Wut, Mitgefühl ...) sind bei ihnen ganz ähnlich wie bei uns. Das wird in den hier versammelten Erfahrungsberichten sehr deutlich, jeder kann daraus seine eigenen Schlüsse ziehen.
In puncto Mitgefühl fällt mir allerdings noch eine Geschichte ein. Vor vier Jahren saß ich mit meiner besten Freundin in einer Art Skaterstadion in München; einfach mal wieder schauen, was die Jugend heute so macht. Nun war aber gerade der Hund meiner Eltern gestorben, mit dem ich Zeit seines Lebens viel unternommen hatte, und ich war natürlich todtraurig. Auf einmal kam unten, zwischen Rampe und Zuschauertribüne, ein Hund herein. Ein sehr großer Hund. Wie ich später erfuhr, eine Mischung aus Berner Senn und Schäferhund. Rusty. Er sah sich kurz um und ging dann schnurstracks auf mich zu, obwohl wir uns nicht kannten, und legte mir seinen Riesenschädel in den Schoß. Ich dachte: »Wow, da merkt einer, was ich für einen tollen Bezug zu Tieren habe«, und streichelte ihn natürlich ausgiebig. Das ging lange. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Er sah mich manchmal an und legte dann wieder seinen Kopf in meinen Schoß. Irgendwann ging er mit den Kids, denen er gehörte, nach draußen und meine Freundin und ich hinterher. In dem Moment kam mir die Erleuchtung: Nicht ich hatte mich um den Hund gekümmert, sondern er sich um mich! Unter den zig Befindlichkeiten, die da in diesem Skaterpark versammelt waren, hatte er, innerhalb eines Sekundenbruchteils, ausgerechnet meine Traurigkeit gespürt und hatte entsprechend gehandelt.
Schon allein diese Geschichte hat mir gezeigt, dass in Tieren viel mehr und vor allem ganz andere Dinge stecken, als wir ihnen normalerweise zubilligen. Ich glaube, wir könnten als Spezies viel von ihnen profitieren. Heute, Jahre später, habe ich tatsächlich einen anderen Kontakt mit Tieren. Es ist ein wie auch immer geartetes Mitfühlen und Hineinversetzen; ich kann mich ein Stück weit mehr auf die Art der Verbindung einlassen. Und das führt zu Erfahrungen, die auch ein kleines bisschen mit dem zu tun haben, was die Erzählerinnen und Erzähler in diesem Buch beschreiben.
Jürgen Teipel
Schondorf am Ammersee
im Oktober 2017