Jürgen Teipel
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Jürgen Teipel - Unsere unbekannte Familie
Die Amsel auf der Hand
Erzählt von Erika Orth, München
Es war im Spätsommer. Ich kam gerade vom Einkaufen heim: Da seh ich bei uns im Hof ein paar Kinder, die waren ganz aufgeregt.
Und ich sag: »Was ist los mit euch?«
»Ach, wir haben da einen kleinen Vogel.«
Sag ich: »Den nehm ich mit.« Ich wusste ja nicht, was sie mit ihm gemacht hätten. Weiß man ja nicht – wenn fünf oder sechs Kinder beieinander sind ...
Dann war das eine junge Amsel. Ganz winzig. Ich schätze, dass sie höchstens vierzehn Tage alt war. Ich nahm sie also mit rauf – ich wohne im dritten Stock –, stellte in der Küche einen Korb mit Henkel auf die Anrichte und legte innen Zeitungen rein. Und dort saß sie dann immer, und ich fütterte sie. Meistens mit kleinen Breikügelchen aus Hackfleisch, Milch, Brot und ein bisschen Eidotter; was eben so da war. Das kam auf ein umgedrehtes Streichholz ... Bei so kleinen Vögeln kann man ja nur hoffen, dass es das Richtige ist. Man weiß nie, ob sie durchkommen. Aber die Amsel war anscheinend gesund und gewöhnte sich auch schnell an das Leben in der Wohnung. Nach ein paar Tagen saß sie schon jeden Abend beim Fernsehen bei mir auf der Schulter oder schlüpfte unter den Kragen von meiner Bluse und schlief dort ein. Total süß.
Später – ich war damals noch nicht in Rente –, da war sie schon größer, nahm ich sie immer in einer Schuhschachtel mit in die Arbeit. Mittags ging ich mit ihr raus und setzte sie auf einen Felsen, damit sie das Fliegen lernt. Jedes Mal ein bisschen höher. Auch daheim. Wir übten eine ganze Zeit lang. Und sie lernte schön langsam. Vom Korb raus, auf die Anrichte, runter auf den Boden ... Nach einer Zeit flog sie nur noch zum Fressen rauf. Sonst marschierte sie die ganze Wohnung ab. Damals hatte ich noch einen Siamkater und einen Boxer. Mit denen war sie ständig unterwegs. Die drei waren immer beieinander.
Nach einem guten halben Jahr war sie so langsam ausgewachsen. Ich ließ sie immer öfter auf den Balkon, fütterte sie auch draußen und sagte ihr: »Wenn du so weit bist, dass du von selber fliegen kannst, möchte ich dich fliegen lassen« ; weil, es ist nicht gut, wenn man einen solchen Wildvogel in der Wohnung behält.
Sie flog dann manchmal auf die Balkonbrüstung, kam aber meistens gleich wieder mit rein. Auf einmal war sie weg. Ich kam fast um vor Angst, weil ich dachte: »Mein Gott, was wird aus ihr werden?« Wenn man so ein Tier längere Zeit hat, wächst es einem ja ans Herz.
Sie kam noch zwei, drei Mal zurück. Aber danach hatte sie wahrscheinlich Wichtigeres zu tun. Ich schätze, dass sie Junge hatte; es war ja ein Weibchen. Nur für mich selber war's eine schwierige Zeit. Wenn ich auf dem Balkon stand und eine Amsel sah, streckte ich die Hand aus – denn das war immer unser Zeichen gewesen – und rief: »Schatzi!«
Nach zwei Jahren rief ich immer noch. Bis ich eines Tages – das war wieder im Spätsommer – auf dem Hausdach schräg gegenüber eine Amsel sah. »Schatzi, komm-komm!« Und auf einmal hebt die da drüben ab und fliegt direkt auf meine Hand! Ich hab geheult. Sie kam auch gleich mit in die Wohnung. Es war, als ob sie nie weg gewesen wäre. Ich suchte den alten Korb raus und stellte ihn wieder auf die Anrichte. Da ruhte sie sich erst mal aus. Abends sag ich zu meinem Mann: »Wenn mir jemand ein Diamantencollier schenken tät, im Tausch für diesen Moment: Das könnt er behalten.«
Nachts war dann immer die Balkontür offen, auch wenn's kalt war. Weil, ich konnte ja nicht wissen, ob's schon irgendwo Junge gab. Aber wenn ich in der Früh aufstand – das ging die ganzen nächsten Tage über so –, saß sie meistens mit dem Hund und dem Kater unter dem Tisch im Wohnzimmer. Das war die erste Stelle, wo die Sonne ein bisschen in die Wohnung hereinschien. Das war nur so ein viereckiger Fleck. Aber warm. Und dort saßen sie dann zu dritt. Genau wie früher.
Sie blieb noch vierzehn Tage da und flog dann weg. Aber immer, jahrelang, wenn ich auf unserem Garagenplatz die Amseln fütterte, war da eine bestimmte Amsel. Es ist ja so: Amselweibchen sehen alle gleich aus. Nur gab's da eine, die meistens sofort da war, wenn ich mit dem Futter um die Ecke bog. Und diese Amsel kam, bis sie schon ganz alt und grau war – Amselweibchen werden ja mit der Zeit immer grauer, daran konnte ich sie erkennen. Das ging Jahre, Jahre und Jahre. Sie flog nie mehr auf meinen Arm, aber sie hat mich immer angeschaut.
Die Rutschpartie
Erzählt von Roland Gockel, Berlin
In den Siebzigern, als Jugendlicher, hatte ich eine Art Traumvision: Ich entwickelte ein mir selber nicht erklärbares Interesse für Meeressäuger. Deswegen reiste ich später lange Jahre herum und kuckte, wo ich eine Begegnung – vor allem mit Walen – hervorrufen kann. Ich wollte das unbedingt machen und erleben.
Mit dreiundzwanzig – das war 1986 – lernte ich in der Südsee endlich einen Walforscher kennen, einen Australier, der versprach, mich einen Tag lang mitzunehmen. Dann kam allerdings ein Sturm auf, es klappte nicht, meine Abreise rückte näher – und am letztmöglichen Tag nahm er mich endlich mit. Es wurde der erste Tag, an dem er keine Wale sah! Zum Glück hatte er ein Hydrophon – das ist ein Unterwassermikrofon –, sodass ich die Wale wenigstens hören konnte. Wunderschöne Buckelwalgesänge.
Danach machte ich noch weitere Reisen. Nur war es immer wieder wie verhext. Eigentlich waren sie da, eigentlich hätte ich sie sehen müssen, aber es kam mir so vor: Je mehr ich die Begegnung erzwingen wollte, umso weniger fand sie statt. Irgendwann gab ich's auf und wollte nur noch die Reisen genießen. Und das war die magische Wende. Weil sie dann nämlich auftauchten. Das ist zumindest mein Eindruck. Im Laufe der nächsten Jahre ergaben sich viele Begegnungen. Zuerst bei einer Whale-Watching-Tour vor der Küste von San Francisco – die Amerikaner waren mit den Australiern die Ersten, die solche speziellen Bootstouren machten –, dann unter Wasser bei den Azoren und schließlich einige Male einfach so, als Geschenk, ungeplant.
Mit sechsunddreißig machte ich eine Reise nach Patagonien. Ich hatte als Journalist eine besondere Genehmigung, in einem Naturschutzgebiet ins Wasser zu dürfen, und wollte Filmaufnahmen machen. Das war allerdings alles andere als einfach. Das Wasser ist planktonreich, die Sicht ist nicht gut. Hier und da ein paar Schemen ...
Wiederum am letzten Tag meiner Anwesenheit nahm ich noch mal bei einer Glattwalmutter mit Kalb einen Anlauf, aber glaubte schon gar nicht mehr so recht daran. Es war der letzte Versuch. Ich ging mit Neoprenanzug und Schnorchelausrüstung ins Wasser. Walmutter und Kalb waren etwa dreißig Meter entfernt und spielten gerade miteinander. Das Spiel ging so, dass das Kalb – knapp unter der Wasseroberfläche – auf die Mutter zuschwimmt, kuckt, dass es auf den Rücken kommt, und die Mutter geht dann aus dem Wasser hoch, wodurch ihr Rücken zur Wasserrutsche wird und das Kalb in Richtung Schwanzflosse runtergleitet.
Dieses Kalb – das etwa sieben Meter lang war – hatte daran offensichtlich großen Spaß. Aber auf einmal bewegte es sich von der Mutter weg, in meine Richtung, um zu kucken, was ich wohl für ein seltsames Wesen bin. Es war höchstens vier Monate alt und hatte wahrscheinlich noch nie einen Taucher gesehen. Ich versuchte natürlich, den Abstand zu halten und weiterhin nur zu beobachten. Das Kalb war sehr ungewöhnlich. Ganz weiß, mit schwarzen Punkten überall. Und es schwamm nun also in einem für einen Wal langsamen Tempo zu mir rüber – für mich als Mensch in einem sehr schnellen Tempo – und positionierte sich erst mal so, dass ich mich auf einmal zwischen Mutter und Kind befand. Was mir sehr unangenehm war. Ich dachte im ersten Moment: »Oha! Das ist genau das, was man nicht tun soll!« Es gibt ein paar goldene Regeln für Tierfilmer; man soll zum Beispiel möglichst nie zwischen Tiermutter und Kind geraten, weil man dadurch beide in Stress bringt. Es ist einfach ne sensible Situation. Der Schutzinstinkt der Mütter ist groß. Und bei einer achtzehn Meter langen Glattwalmutter kann das natürlich nach hinten losgehen.
Noch dazu wurde mir klar, dass das Walbaby mit mir das gleiche Spiel machen wollte wie vorher mit der Mutter. Es wollte irgendwie auf mich drauf und dann an mir runterrutschen, merkte aber an meiner Reaktion – ich schwamm dann doch sehr aufgeregt weg –, »das passt hier von den Proportionen her alles nicht zusammen« und zog sich erst mal zurück.
Beim nächsten Mal schwamm es ganz vorsichtig und langsam heran. Es hatte sein Bewegungstempo und seine ganze Art, mit mir umzugehen, geändert. Und dadurch wurde ich ebenfalls vorsichtig und langsam. Wir kamen uns immer näher, verharrten lange unmittelbar nebeneinander, und nach kurzer Zeit traute ich mich, die Brustflosse anzufassen. Das ließ es zu. Und währenddessen waren wir uns auch mit den Augen sehr nah. Im Wasser ist das Gefühl für Nähe interessanterweise ein anderes als am Land. Viele Tiere im Wasser kommen sich näher, als das an Land der Fall ist. Das hat womöglich damit zu tun, dass die meisten Tiere im Wasser keine Arme haben, mit denen sie tasten oder greifen könnten. Was sich offenbar auf den Intimsphärenbereich um sie herum auswirkt. Er ist kleiner. Zwischen mir und dem Walbaby betrug er vielleicht noch dreißig Zentimeter.
Und das war dann total süß: Das Walbaby machte einige Male das Auge auf und zu, was auf mich, weil ich wegen seiner Größe natürlich nur ein Auge sehen konnte, wie ein Zwinkern wirkte. Schließlich tauchte es ab, und ich blieb an der Wasseroberfläche zurück. Und dann kam es wieder hoch! Direkt unter mir! Aber langsam. Und ich blieb. Und es hob mich ganz behutsam – auf seinem Rücken – aus dem Wasser. Ich lag mit einem Mordsherzklopfen auf diesem Rücken. Und am Ende ließ es mich abrutschen; drehte dieses Spiel aus eigenem Antrieb also völlig um. Ich fand das derart faszinierend! – dass dieses doch noch kleine Jungtier dieses Spiel, das es gerade noch mit der Mutter gespielt hatte, auf einmal mit einer völlig anderen, ihm völlig fremden Spezies wieder aufnahm.
Noch dazu war ich dadurch in einer ganz anderen Rolle als sonst. Ich war viel kleiner. Ich wusste ja nicht, wie geschickt oder ungeschickt dieses Tier ist. Ich bin zwar nicht auf der Speiseliste der Glattwale, aber trotzdem liefert man sich einem Tier dieser Größe in so einem Moment ja aus. Ich bin die Schnecke im Wasser verglichen mit so einem Meeressäuger. Ich kann mich nicht schnell genug zurückziehen. Es gibt auch gar keinen Ort, an den ich mich zurückziehen könnte. Das heißt, es ist ein Akt der Hingabe. Das Gefühl war wie bei einem Fallschirmsprung – samt Loslassen, Darauf-Einlassen und einem unglaublichen Vertrauensvorschuss auf die soziale Sensibilität des Tieres. Aber ich muss sagen: In dem Moment, in dem ich merkte, es geht alles gut, dieses Sieben-Meter-Walbaby behandelt mich ganz achtsam – so wie unsereiner, der ein Meerschweinchen in die Hand nimmt –, da fand ich's vor allem toll. Diese Vorsicht zu spüren! Diese Feinheit für ein anderes Wesen einer anderen Art. Ich war begeistert.
In solchen Augenblicken merkt man erst, wie unglaublich abwertend Begriffe wie »Wildnis« oder »wild« in unserer Kultur oft benutzt werden. Fast alles, was ich jemals hinsichtlich des Verhaltens von Tieren erlebte, ergab einen Sinn. Im selben Moment, in dem ich mir die Zeit nahm, sozusagen zu dolmetschen, ein Wildtier wirklich kennenzulernen, fiel dieser Aspekt, der bei uns so gerne gleichgesetzt wird – nämlich »wild ist gleich unberechenbar« –, einfach weg. Im Grunde muss man nur beobachten. Daraus wächst ein Gespür, eine verfeinerte Wahrnehmung. Und heraus kommt ein achtsamer Umgang. Verhaltensweisen setzen sich in Wirklichkeit aus aneinandergereihten Verhaltensfragmenten zusammen: Die Körperhaltung ändert sich, es gibt Geräusche, die man hören kann oder vielleicht auch nicht; bei Landtieren wackeln womöglich die Ohren in besonderer Weise. Es gibt immer eine Verhaltenskette. In ihr kündigt sich der nächste Schritt dadurch an, dass er mit den vorher empfangenen Signalen korrespondiert und sich daraus formt. Das kann für menschliches Zeitempfinden sehr langsam oder blitzschnell passieren. Dabei ist es auch wichtig zu wissen, dass sozialaktive Tiere eine unterschiedliche Tagesform haben. Sie haben Zeiten, zu denen sie sozial interessiert sind; sie haben Zeiten, zu denen sie hungrig sind; und sie haben Zeiten, in denen sie ihre Ruhe brauchen und Abstand wollen, ob von ihresgleichen oder von anderen Arten. Das ist nicht anders als bei uns.
Und dazu passte auch das Verhalten der Walmutter damals in Patagonien. Ich hatte in meiner Begeisterung gar nicht mehr an sie gedacht. Irgendwann fällt mir ein: »Äh, wo ist sie denn?«, dreh mich um und sehe diese riesige schwarze Wand hinter mir. Allerdings völlig ruhig. Ich hatte kein unangenehmes Gefühl im Nacken oder so. Sie war einfach nur präsent, als Wand vorhanden. Wenn ich das Kalb in Aufregung versetzt hätte, wäre sie sofort zur Stelle gewesen. Aber so – ich hatte den Eindruck, sie merkt, dass das Kalb Spaß hat, und war froh, mal ne Viertelstunde Ruhe zu haben.
Eine Viertelstunde – länger dauerte das Ganze nicht. Aber mir kam diese Zeit unglaublich lange vor. Vor allem die, in der das Kalb und ich dieses Rutschspiel miteinander veranstaltet hatten. Nachher, an der Aufnahme, konnte ich sehen, dass das nur ne Minute gedauert hatte. Aber diese Minute zog sich für mich ewig hin, fast schon märchenhaft. Auf so ein Erlebnis hatte ich als Jugendlicher nicht mal zu hoffen gewagt. Ich wollte ein solches Tier einfach mal in echt sehen. Aber derartig Kontakt aufzunehmen ...! Danach dachte ich: »Wenn das möglich ist, dann geht alles im Leben.« Gerade in der Begegnung mit Tieren.