Verschwende Deine Jugend

 
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Katzenjammer der digitalen Gleichzeitigkeit

Was heute fehlt ist Selbstbewusstsein. Über die Sucht des Rückblicks in Film, Musik und Literatur und die Möglichkeit daraus zu lernen.

Was ist heutzutage so richtig aufregend? Mit was kann man sich beschäftigen, ohne sich genau so gut mit etwas anderem beschäftigen zu können, das dann wahrscheinlich genau so viel (oder wenig) bedeutet?
Klar, es gibt so etwas wie Gott. Aber alle zeittypischen Phänomene sind doch eigentlich nicht so wichtig. Man hat ein breites Spektrum an Haltungen zur Verfügung, um auch noch den letzten Mist so lange zu drehen und zu wenden, bis man ihn ganz interessant findet. Dabei sitzt man in einer Falle.
Eine ganz plumpe Falle, in die niemand geraten wäre, wenn Punk nicht von hinten geschubst hätte. Am Ende von Punk als ernst zu nehmender Bewegung hatten nämlich einige der Hauptdarsteller gemerkt, wie gut sich ihre Grundhaltung der flexiblen Bedeutung - heute Aussagen treffen und morgen wieder verwerfen - verkaufen ließ. An Zeitgeistmagazine und Werbeagenturen. Und schließlich im Privatfernsehen.
Dadurch hat sich manches auf der Welt, aber vor allem im vorher völlig tristen Deutschland, zum Guten gewendet. Spielerische Ansätze (und damit auch Humor) in Film, Funk und Fernsehen - Harald Schmidt, South Park, Studio Braun - sind nicht mehr nur vereinzelte Phänomene. Aber wo das alles her kommt spielt hierzulande keine Rolle, weil es bei uns keine Tradition gibt, mit etwas anderem als herrschender Meinung umzugehen. Popkultur und Underground werden mit Glubschaugen betrachtet. Weshalb sich auch kein ungetrübter Blick auf den Rest entwickeln kann. Weder im konkreten Fall für den Ansatz der Industrie, Underground-Haltungen zu nehmen und damit künstliche Traditionen zu schaffen, noch für Sozialabbau und Industriediktat im allgemeinen.
Als ich 1998 anfing mein Deutschpunk-Sittengemälde "Verschwende Deine Jugend" zu schreiben, konnte ich gar nicht glauben, dass das noch niemand gemacht hatte. Drei Jahre lang lebte ich in ständiger Angst, dass mir doch noch jemand zuvor kommen könnte. Aber es wurde alles gut. Punk war hier, im Gegensatz zu England, so sehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, dass ich erstmal von 15 Verlagen abgelehnt wurde. Erst als das Buch dann ein Bestseller war, wurde diesen ganzen Leuten klar, was sich da aufgestaut hatte. Leider wurde dadurch die allgemeine Rückwärtsgepoltheit gleich mit verschärft. Aber sie findet nun wenigstens auf bewusster Ebene statt.
Die Idee scheint zu sein, dass es ja vielleicht helfen könnte, wenigstens mit gebotener Ernsthaftigkeit zurück zu blicken. Dabei ist es schon komisch, dass der Blick in eine Zeit geht, in der einzig und allein nach vorne geblickt wurde.
Schließlich klappte das ja nicht deswegen so gut, weil die Leute schlauer gewesen wären als heute. Was die heutige Jugend so alles in Verbindung zueinander setzen muss: Da kann gar kein Platz für echtes Wissen bleiben. Außerdem meint sie ja auch gar nicht anders zu können, als scheinbar zufrieden zu Hause zu sitzen, alles digital und gleichzeitig serviert zu bekommen und trotzdem sehnsüchtig nach draußen zu blicken, weil sie gerne Jugendbewegung wäre.
Nur kann man so was weder kaufen, noch ist es dazu gut, immer alles irgendwo einsortieren zu können. Als Deutschpunker hatte man grundsätzlich keine Ahnung. Aber man wollte auch gar keine haben, weil man sich nur auf diese Tristesse hätte beziehen können. Auf echte Nazis, die einem was von wegen Gaskammer hinterher riefen, nur weil man anders aussah. Wirtschaftswunder-Väter, so doof und fortschrittsgläubig, dass körperliche Auseinandersetzungen oft unvermeidbar waren. Und das Schlimmste: Die 68er, der Einfachheit halber auch Hippies genannt, die alles besetzen wollten, was mit Protest oder Anderssein zu tun hatte. Tommi Stumpff, Sänger des Kriminalitätsförderungsclubs, hatte damals eine Idee für einen Super-8-Film, der "Die Grüne Gefahr" heißen sollte. Mit Joschka Fischer-Typen, die Leibstandarten-mäßig durch West-Berlin walzen sollten. So fühlte sich das schon damals an. Wobei er auf Berlin wohl nur deshalb kam, weil von dort eh alles Hassenswerte kam. Vor allem so ein blasierter, von daher wieder hippie-mäßiger Anspruch noch mal ganz anders zu sein als alle anderen: das ultimative Ergebnis städtischer Entfremdung.
Aber das war natürlich nur Koketterie. Andrew Unruh von den Einstürzenden Neubauten ist privat einfach ein Sonnenschein. Und sogar geschundene Seelen wie Blixa Bargeld fühlten sich durch dieses punkige Entgegenstemmen gegen alles Alte, durch dieses "hier ist ein Akkord, da noch einer, nun gründe eine Band", vor allem energetisch aufgeladen, selbstbestimmt und frei von diesem ganzen Ballast, den einem Geschichte und Umwelt um den Hals hängen wollten.
Dass einige dieser Leute bald anfingen, der eigenen Bühnenidentität zu glauben, war eher ein Missverständnis. Denn im Grunde hatten sogar die düstersten Ansätze etwas spielerisches. Auch in Berlin. In Düsseldorf (in München erst recht) konnte man genau so lange künstlerisch konsequent sein, bis man von den Eltern rausgeschmissen wurde. In Berlin konnte man sich eine eigene Wohnung sogar leisten, wenn man sich 24 Stunden am Tag mit sich selber beschäftigte.
Blixa Bargeld erzählte mir mal, dass er genauso gut hätte Maler oder Filmemacher werden können. Das sei alles das selbe gewesen. Weshalb es heute auch kaum Sinn macht, eine homogene, geschweige denn nie dagewesen kreative Szene beschwören zu wollen. Diese Leute konnten ja nichts dafür, dass vorher so wenig möglich war, dass dagegen jeder halbwegs eigene Ansatz wie eine Offenbarung aussah.
Ob man jetzt einen Laden mit selbst kopierten Kassetten aufmachte, auf denen oft mehr Rauschen zu hören war als was anderes. Oder ob man sich eine gebrauchte Super-8-Kamera vom Trödel holte und auf einmal Ein-Mann-Filmemacher war. Alles Stilmittel! Etwa wenn man im Film all jene Stellen drin ließ, auf denen man gerade auf den Knopf gedrückt hatte und dann schnell ins Szenenbild springen musste, nur um morgendliches Marmeladenbrotschmieren zum Abenteuer zu erheben.
Dass so etwas nun 25 Jahre später im Rahmen einer nobel aufgemachten Berlin Underground-Retrospektive erscheint, kommt manchen Leuten vielleicht genauso komisch vor, wie die von mir mit kuratierte Punk-Rückschau in der Düsseldorfer Kunsthalle. Aber es besteht eben dieser enorme Nachholbedarf. Grundsatzwerke sind immer noch möglich.
Zwar ist es dann immer blöd, wenn tolle Sachen unter den Tisch fallen müssen. Wie etwa hier der Super-8-Klassiker "Das Leben des Sid Vicious" (mit Sid als Kleinkind in Hakenkreuz-Pampers). Einfach weil manche Macher unglaublich strikte Ideen haben, was mit ihrem Kram passieren darf und was nicht. Und weil man dann auch als Zusammensteller so paranoid wird, dass man nicht mehr zwischen verharmlosendem und lustigem (und schon deshalb nötigem) Hakenkreuz-Einsatz unterscheiden kann.
Gerade in solchen Momenten braucht man dann Ansätze wie in "Hüpfen 82" von Rolf S. Wolkenstein und Horst Markgraf: der einzige Darsteller eines geplanten Entfremdungsfilms kommt und kommt nicht zum Dreh. Also, was macht man? Man dreht was einem gerade einfällt. Sich gegenseitig, wie man mit voller Kaffeekanne oder Eimer überm Kopf durch die Wohnung hüpft. Grenzenlose Freude. Sieg der Spontaneität. Kein Wunder, dass der Film seitdem auf Festivals rund um die Welt läuft. Alles was typisch deutsch sein könnte: Hier ist es jedenfalls nicht zu sehen.
Und deshalb ist es auch gar nicht so abwegig, dass demnächst sogar mal ein richtiger Ruck durchs Land gehen könnte. Was Techno betrifft sind wir eh schon Weltmarktführer. Form und Inhalt hauen einen zwar auch nicht vom Hocker, aber immerhin funktioniert das Ganze schon mal weit gehend über Do-it-yourself, Ein-Mann-ein-Laptop-Ich-AGs und hin und wieder auch Spontaneität. Was Film betrifft, so gibt es zwar auch wieder keine homogene Mini-DV-Szene oder etwas in diese Richtung. Dafür aber eine auffallende Häufung von "No Budget"-Ansätzen. Und das nicht nur bei unbekannten Leuten. Einfach dieses: "Scheiß auf Förderung. Ich drehe jetzt einfach los. Genau wie damals."

JÜRGEN TEIPEL


"Berlin Super 80"
Music & Film Underground West-Berlin 1978 - 1984
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