Verschwende Deine Jugend

 
KontaktGesellschaftsinseln

Inhalt
Leseprobe
Autor

Chronologie
Fotografien
Leute A-H
Leute I-Z
Bands
Musik
Discografie
Organe
Links
Presse
Forum
Ereignisse
Impressum
 
Zum Tod von Muscha

 

  drucker
freundliche Version
 



Am 31.07.2003 hat sich Muscha in seiner Wohnung erhängt. Zum Andenken hier Auszüge aus Jürgen Teipel's Muscha-Interview vom 20. September 2000, die nicht oder nur teilweise in "Verschwende Deine Jugend" erschienen sind.

Muscha über Hippies und Glamrock:

Der Unterschied von Hippie zu Glamrock war, dass die Inhalte beim Glamrock halt mutiert waren. Das ist ja in so ner Phase der Desorientiertheit entstanden. Glam war so eine dezentere Auflehnung, die aber schillernd daherkam. Glamrock war mutiertes Hippietum.
Glam hat für mich persönlich viel bedeutet. Expressiv sein. Sich selbst darstellen. Da gab es bei den Hippies ein Riesen-Lager, das ganz extrem auf Glam reagierte. Das in so nem Wurzelvolk-Pop verharrte. Oder in so Prä-Ethno-Sachen oder Jazz. Die nahmen Glam kopfschüttelnd wahr. Die fanden das zu system- und konsumorientiert. Für die war das dekadent. Ich wurde oft in hippiemäßige, pseudoernsthafte Diskussionen verwickelt. Warum ich aussehe wie ein Mädchen. Warum ich geschminkt bin. Glamrock - zumindest frühe T. REX, NEW YORK DOLLS oder David Bowie - war also schon ein ernsthafter Bruch mit dieser Hippieschiene. Aber bald passierte da nicht mehr viel. Weder inhaltlich noch musikalisch. Mich hat das alles gelangweilt damals. Vor allen Dingen diese Dröhnerei. Ich habe mich immer schnell für Sachen interessiert, aber dann haben die mich gelangweilt, wenn ich die für mich durch hatte.
Und als das mit CHARLEY'S GIRLS anfing, hatte ich dann eben gerade diese Schiene hinter mir. Ich hatte gerade mein Kunststudium beendet und in London CLASH gesehen. Das gefiel mir. Vor allem die Ideologie. Punk ist ja nicht auf der Straße entstanden, sondern hatte einen kreativen, wenn nicht intellektuellen Hintergrund. Für mich war Punk ein willkommener philosophischer Ansatz, diese ganze bedröhnte Verbrüderung der Hippies hinter mir zu lassen. Punk war da ein schönes abstraktes Sprungbrett. Eine gute Matrix, in der man sich bewegen konnte.

... über den ersten CHARLEY'S GIRLS-Auftritt:

Wir hatten hier so ein Wohnzimmer: Den Ratinger Hof. Und da lernte ich auch Janie und Franz Bielmeier kennen. Und daraus wurde dann eine der von Sounds gehypten Bands dieser Zeit. Die erste Punkband: CHARLEY´S GIRLS.
Kurz vor unserem Auftritt im New Orleans hatte ich dann in New York im CBGB's die RAMONES gesehen. Ich war völlig erstaunt, dass das die New Yorker Punkheroen sein sollten. Die hatten alle Matte! Schulterlange Haare! Und die hatten auch musikalisch nur die Geschwindigkeit geändert. Aber das war supermitreißender Highspeed-Powerpop. Die hätten auch zu jeder anderen Zeit rauskommen können. Das war sehr authentisch.
Und von daher ging es für mich im New Orleans auch darum: Kann man so was machen, ohne an Authentizität zu verlieren? Das war ja so ein Nightclub wie das P1 in München. Die hatten uns unheimlich viel Geld geboten. 7 000 Mark. Das war wahnsinnig. Aber das war für mich auch Punk, für einen Viertelstundenauftritt so viel zu kassieren. Das fand ich richtig cränk! Und da haben wir gedacht: ›Hey, dann machen wir's gleich richtig!‹
Und dann kamen da halt Leute, die sonst Maßanzüge trugen. Die kamen da so ein bisschen trendy auf Punk gestylt.
...
Unser Roadie hat uns dann noch gezeigt, was Punk wirklich ist. Der hat den Getränkekeller geknackt. Der war Ex-Heimkind. Ein sehr tougher Typ, der von uns zuerst, weil er Bildungslücken hatte, als Helferlein abgekanzelt wurde. Ich fand aber, dass der unheimliche Kraft hatte. Weil der sich knallhart gegen alles gewandt hat. Der lieferte nicht nur eine Attitüde ab, sondern war wirklich fähig draufzuhauen, als wär's der letzte Tag in seinem Leben. Von uns wäre keiner drauf gekommen, so weit zu gehen, den Keller zu knacken. Danach wackelte die Existenz des Geschäftsführers. Wir haben das New Orleans in einem Blitzkrieg für uns erobert, abkassiert und waren dann wieder weg.

... über Peter Hein und Franz Bielmeier:

Diese ganzen Kids wie Janie und Bielmeier sind dann von den Äußerlichkeiten überholt worden, die sie sich zugelegt hatten. Die hatten sich mit Insignien aus dem SM-Bereich ausgestattet: Leder, Ketten und so. Aber das wurde nur nach außen propagiert. Eigentlich waren das alles verschüchterte Kinder. Ich stand damals auf SM-Praktiken und auf Orgien mit Groupies. Aber diese ganzen Kids hatten davor tierische Angst. Sobald irgendwas mit Frauen in Sicht war, hatten die immer völlig durchsichtige Ausreden und zogen sich zurück. So ein Typ wie Peter Hein, der wohnte noch in seinem Kinderzimmer bei seiner Mutter. Was damals in Düsseldorf niemand wissen durfte - aber viele doch wussten. Das waren oft Doppelexistenzen.
Ich hatte echt Schwierigkeiten mit Peter Hein, der einerseits rumlief wie ein Büroangestellter, der er auch war, und am nächsten Tag plötzlich mit Igelkopf, dicker Lederjacke und einer gekauften Hose mit Reißverschlüssen aus einer hippen Boutique. Ich fand es immer scheiße, wenn Punks gekaufte Sachen an hatten. Ab einem bestimmten Punkt waren die genauso uniformiert. Das war nur formal anders. Aber das waren die gleichen Mechanismen. Ich fand es viel besser: Man kauft sich eine Lederjacke und macht seine eigenen Zeichen drauf. Besprühen, Sachen dranmachen, sich ein großes Stück Stoff dran stickern, irgendwas Anarchisches draufschreiben und nächste Woche schon wieder alles verwerfen. Flexibilität in der Aussage.

... über DAF:

Diese Faschismus-Koketterie bei DAF, die fand ich ziemlich beschissen. Das fand ich auch nicht lustig. Das war stilistisch schon kommerziell berechnend.. Dagegen hat Mike Hentz allen vorgemacht wie man das richtig macht. Der hat sich ja nie als Punk bezeichnet, der war ja eher Kunst-Aktionist. Diese Sachen fand ich gut. Ich habe damit ja auch selber gespielt, in dem ich mich mit solchen Symbolen spielerisch-agitativ geschmückt habe. Auch um so was abzustreifen. Diese Prägung. Damals versteckten sich die härtesten Kapitalisten und menschenverachtendsten Tendenzen dahinter, dass man sagte: "Wir machen ja alles mit - nur - Nazis, das darf nie wieder kommen."

... über den PLAN:

Moritz und Frank hatten Punk ja erst kennen gelernt. Vor allem Moritz lief durch die Gegend wie Alice im Wunderland. Aber dann haben sie an diesen drei Tagen gleich so ein Symposium gemacht. Sinn und Zweck war, jetzt mal richtig tiefgründig die Linie klarzukriegen. Das war schon krank in sich. Bei Punk wurde ja einfach impulsiv-hedonistisch agiert. Ich habe da eher schmunzelnd mitgemacht.
...
Wir hatten dann auch mal ne Zeit, da hatten wir oft zusammen gekocht. Trini und ich, wir waren damals schon so ein bisschen gewieftere Feinschmecker. Und das Lieblingsgericht vom PLAN war eben Miracoli. Das gab's bei denen immer irgendwo im Schrank. Da haben wir dann immer Miracoli-Orgien gemacht. Aber irgendwie haben wir ihnen dann nahe gebracht: "Vielleicht muss es nicht immer Miracoli sein!" Wir haben dann immer mal ne andere Art von Spaghetti-Soße gemacht.

... über Wohnen mit Kunst, den KFC und Zonker (!!!):

Ich war ja im Kunststudium immer mit räumlichen Installationen konfrontiert. Und das habe ich nie abgetrennt von meinem täglichen Leben. Meine Wohnungen, das waren immer leere Räume. Mit Pop-Artigen Elementen vollgestellt. Alles kompatibel und flexibel gestaltet. Und da standen diese Pop-Art-Elemente. Das war auch diese Philosophie von Marcel Duchamp: Ich habe etwas, aber das verwende ich vollkommen anders, also hat es auch eine andere Aussage. Das war dasselbe wie die Ketten, Kugellager oder Klebebänder der Punks.
...
Mein Loft am Hafenbecken, das war mit Blick aufs Wasser. Da war hier echt noch Hafen. Volle Industriegegend. Entsprechend gab es im Keller riesige Gewölbe. Und da übte dann eben immer der KFC. Ich fand beim KFC vor allem Tommi interessant. Das war ein junger Wilder. Sein Ehrgeiz bestand darin, sich hinsichtlich Rumpöbeln und Zerstören ganz nach vorne zu spielen. Aber nur auf sicherem Terrain. Der kommt ja aus gutem Hause. Sein Vater war Terroristenanwalt. Und da wollte ich hin und wieder seine Konsequenz testen. Ich habe da gemeine Tricks angewandt. Er bekam mal von seiner Oma 800 Mark zu Weihnachten und wedelte damit herum. Ich habe ihn sofort in den Ratinger Hof mitgeschleppt und gebrüllt: "Lokalrunde!" Und er musste alles bezahlen. Tommi fing richtig an zu weinen, weshalb ich von Trini ziemlich kritisiert wurde. Der war ja Sozialpädagoge. Der sagte: "Du kannst die Psyche so eines Jungen zerstören, wenn du den so hopp nimmst!"
Und dann gab es eben noch Zonker: Ein Voll-Irrer! Der war richtig schön krank. Den fand ich in sich konsequent. Den konnte ich zwar kaum ertragen. Aber den fand ich richtig klasse. Den konnte man auch nicht vorführen. Weil der so konsequent abartig war; das war schon klasse. Der war ne richtige Persönlichkeit. Der war auch so ein richtiger maniac in Sex-Magazinen. Wie Weekend und so. Der hat sich dann mit so ekelhaften 45-jährigen Lehrerschlampen getroffen. Ich hätte das selber zwar nie gemacht, aber das fand ich gut. Tommi Stumpf hätte da nach seiner Mutti gebrüllt, wenn ihn so ne Alte angepackt hätte. Insofern war der Zonker in sich ne stehende Persönlichkeit. Der hatte ne Voll-Schramme. Der ließ mit sich auch nicht diskutieren. Da gab's kein Reden, sondern nur Handeln. An dem war nix artifizielles. Der war wahrhaftiger als diese durchsichtigen Versuche von alten Säcken auf diese Schiene rumzuswitchen.

... über Film:

Ich hatte mal Malerei studiert. Hab mich aber dann mehr für Film interessiert. Ich kam hier nach Düsseldorf, weil ich hier so bestimmte Projekte vor hatte - Film-mäßig. Ich hab dann halt 1978 mit Trini zusammen einen Super-8-Spielfilm gemacht: "Blitzkrieg Bop". In schwarzweiß. Den haben wir hier in Düsseldorf gedreht. Und haben diese ganzen Sachen hier eingebracht - die ganze Musik. Und so ne Grundsituation beschrieben. Der ist dann ziemlich kultig geworden. Im Fernsehen gelaufen. Preise gekriegt. Dann kam der Film "Humanes Töten" - in dem kein Ton Punkmusik vorkam. Aber er hat dieses Punk-Gefühl beschrieben. Mord und Totschlag, Langeweile, No Future und so. Ich wollte da nicht, dass auch nur ein Ton Punkmusik rein kommt. Ich habe dann konterkarierend vor allem Musik von Phil Spector genommen. Das war dann so der Punk-Kultfilm.

Mehr über Muscha: www.derplan.com/muscha.html