Verschwende Deine Jugend

 
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Jürgen Teipel, geboren 1961 in Kulmbach, wurde 1979 durch Punk für den mittleren nichttechnischen Beamtendienst unbrauchbar gemacht. Ein paar Tage später konnte er sich in seinem Punk-Fanzine Marionett schon in völlig neuer Zusammensetzung präsentieren. Ab 1981 veranstaltete er Konzerte mit MALARIA, ABWÄRTS, WIRTSCHAFTSWUNDER oder den TOTEN HOSEN. Nach einer Tournee als Krachmacher mit SPRUNG AUS DEN WOLKEN suchte er sein Glück eher als professionelle Schreibmaschine (u. a. für Spex, Tempo, Neue Zürcher Zeitung, Rolling Stone, Spiegel und Zeit). "Verschwende Deine Jugend" ist sein erstes Buch.

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© Alfred Jansen

 
 

 


Vorwort zum Buch

von Jürgen Teipel

Es muss Anfang 1979 gewesen sein, da hörte ich in meiner verschlafenen Kleinstadt, dass Punks einfach in Müllsäcken stecken. Sauber, glatt und total modern. Das gefühlsmäßig graue Leben rechts und links konnte dem abgepackten Menschen nichts anhaben. Er war abwischbar. Ich hielt das für eine gute Idee.
Auch dass man einfach so mitmachen konnte. Man musste nur anders sein. Dass durch diesen Trick irgendwann nicht mehr viel übrig bleibt – außer genauso zu sein, wie alle anderen, die anders sind –, das ahnte ich zwar, aber ich beschäftigte mich lieber damit, meine Kleidung zu verfremden oder fremdes Eigentum zu demolieren. Und anstatt mich mit clever ausgefüllten Formularen für eine endgültige Übernahme im mittleren, nichttechnischen Verwaltungsdienst zu empfehlen, bastelte ich mir einfach eine neue Identität – teils wie ich gerne gewesen wäre, teils wie ich damals wohl wirklich gewesen sein muss – und stellte sie in meinem eigenen Fanzine zur Schau.
Das war toll. Aber es war nie genug. Ich hatte zwar auf einmal mit Leuten zu tun, die unvorstellbar coole Sachen machten. Aber sie alle konnten, genau wie ich, ihre alte Identität nicht ganz und gar abstreifen. Man war nicht zu dem neuen Menschen geworden, für den man sich gerne ausgab. Ich hatte immer das Gefühl, über Äußerlichkeiten definiert zu werden und gerade noch mal davon gekommen zu sein. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es den anderen ähnlich ging. Man redete ja nicht über solche Dinge.
In Düsseldorf erzählte mir Tommi Stumpf vom KRIMINALITÄTSFÖRDERUNGSCLUB stattdessen seine tollsten Actionabenteuer – von Sex auf dem Billardtisch, Sex hinten im Lieferwagen – und dass man als Zuschauer beim KFC gute Aussichten habe, als Entgelt für das Eintrittsgeld, eine Gitarre über den Kopf gedonnert zu bekommen.
In Berlin war ich oft richtig eingeschüchtert, weil Gudrun Gut und Bettina Köster von MALARIA zwar irgendeinen Narren an mir gefressen hatten, aber ich nie wusste, warum eigentlich. Auf der anderen Seite konnten sie nämlich mehr oder weniger vernichtend selbstbewusst wirken.
In Hamburg erlebte ich einmal den völligen Zusammenbruch eines weiteren Protagonisten dieses Buches. Und da man damals eben immer freundlich auf Distanz zueinander ging, waren wir weit genug voneinander entfernt, dass ich mich einfach im nächsten Actionabenteuer wähnte. Ich musste mir erst von einem alten Hippie wie Alfred Hilsberg sagen lassen: »Hey, das ist überhaupt nicht lustig. Das hätte auch anders ausgehen können.«
Das war einer der Gründe, warum ich, in den nächsten knapp 20 Jahren, nur mit ihm hin und wieder zu tun hatte. Nicht, dass ich mit den ursprünglichen Ideen von Punk nichts mehr anfangen konnte. Im Gegenteil. Ab Mitte 1980 lief ich zwar meistens in schicken New-Wave-Anzügen herum. Aber das war alles nur Ausdruck jener für mich aus dem Punk stammenden Geradlinigkeit, mit der ich meinen neuen Weg weiter ging. An der Erreichbarkeit des Zieles »Schriftsteller« hatte ich nie unüberwindbare Zweifel. Dieses »Jeder kann es« des Punk bestimmt mich bis heute.
Dass es mit meiner Abschottung aber auch um etwas anderes ging, wurde mir erst klar, als ich in dieses Buch schlidderte. Schon auf meine ersten Überlegungen hin gab es so viel Zuspruch, dass auf einmal sogar das Geld da war, um mit der Arbeit anfangen zu können. Aber eben auch dasselbe alte Gefühl, nicht zu genügen.
Nach den ersten Interviews merkte ich allerdings, dass sich viel geändert hatte. Bei mir und bei den anderen. Alle hatten inzwischen erfahren, dass man eben nicht abwischbar war. Bewusst oder nicht. Und je nachdem hatte ich es mit positiven, mehr oder minder erfolgreichen Menschen zu tun, die auch entsprechend reflektieren konnten, oder mit Leuten, die aus ihrer Tüte heraus mufflige Ansprachen hielten und sich an nichts erinnern konnten oder wollten.
Oft war ich der Verzweiflung nahe. Aber viel öfter habe ich Erstaunliches dazugelernt. Ich meine damit weniger, dass so langsam ein Querschnitt durch eine ganze Generation entstand. Eher sah ich auf einmal die feinen Unterschiede. Worin sich die Teile einer scheinbar homogenen Bewegung schon damals unterschieden hatten. Und wodurch sie sich dann auch unterschiedlich entwickelten.
Ich erkannte, dass die Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, vielfältig sind. Und dass es viel zu entdecken gibt. Dass eben nicht alles egal ist, wie manche Punks noch heute behaupten.
Wegen des Einfallsreichtums, den sie dabei an den Tag legen, wollte ich solche Ansichten allerdings auch nicht unterdrücken. Nach über 1 000 Stunden Interviews bestand meine Hauptaufgabe zwar in der Auswahl des Wesentlichen. Aber wesentlich war auch die persönliche Wahrheit. Es stellte sich immer mehr heraus, dass ich mir durch meine Herangehensweise erst gar nicht anmaßen musste, in irgendeiner Weise repräsentativ zu sein oder Punk gegenüber Hippietum oder Techno zu rehabilitieren. Letztlich stelle ich einfach 100 verschiedene Wahrheiten zur Verfügung und überlasse es dem Leser, selbst zu entscheiden, wovon er sich angesprochen fühlt.
Dabei hat es sich auch als hilfreich erwiesen, dass ich auf alte Interviews oder andere bestehende Quellen völlig verzichtet habe. Bis auf zwei Leute, mit denen ich nur telefonieren konnte, habe ich alle persönlich getroffen.
Mit anderen Worten: Ich war selber Schuld, am Ende 1 200 Interviewseiten abtippen zu müssen, um halbwegs den Überblick zu behalten.
Aber es hat sich gelohnt. Und dafür möchte ich allen danken, die sich mir in diesen dreieinhalb Jahren anvertraut haben. Ich hoffe, ich kann mit diesem Buch etwas davon zurückgeben.