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Finnischer Tango - Am liebsten nur noch Heulen

Überall auf der Welt tanzt man argentinischen Tango. Man hält ihn für erotisch. Dabei sind es nur Schritte. Extra komplizierte Schritte. Richtiger Tango, das ist Gefühl. Aber das wissen nur die Finnen. Denn sie sind die einzigen, die so viel Gefühl überhaupt aushalten.

  Der Himmel über der weiten Heidelandschaft ist kurz vor Mitternacht immer noch feuerrot. Im Sommer dauert der Sonnenuntergang auch in Südfinnland immer ewig. Passend dazu die rote Bierwerbung auf der Bretterverkleidung der Tanzhalle. Vielleicht sind viele Leute wegen dieses Anblicks in ihren Autos geblieben. Oder sie wollen sich erst einmal ausruhen. Die wenigsten kommen aus dem nächsten Dorf. Manche kommen sogar aus richtigen Städten, praktisch vom anderen Ende der Landstraße, aus dem hundert Kilometer entfernten Uusikaupunki zum Beispiel.
  Ein paar leicht angezogene Mädchen stöckeln in ihren Riemchenschuhen über den Schotter. Die meisten Leute sind aber schon etwas älter. Ein rotgesichtiger Mann mit weinroter Windjacke kommt von innen und muß sich erst einmal den Schweiß von der Stirn wischen. Ein anderer im Jogginganzug kommt ihm entgegen, kämmt sich noch einmal die Haare quer über den Kopf, bevor er durch das offene Scheunentor nach innen tritt.
Dort sieht es aus wie in einer Scheune. Allerdings wie in einer frisch aus dem Ikea-Katalog. Alles aus Kiefer natur, alles freundlich beleuchtet. Nur die beiden gegenüberliegenden, in die Bretterwände geschnittenen Bühnen, bleiben so gut wie dunkel. Obwohl auf der einen schon eine Kapelle spielt.
Auf den Bierbänken, um die lackierte Tanzfläche herum, sitzen vor allem Frauen. Die Männer bleiben hinter einer Brüstung an der Seite sitzen. An drei langen Reihen von Biertischen. Viele von ihnen trinken kein Bier, sondern nippen nur an kleinen Flaschen mit fast alkoholfreiem Birnencidre.
Auf einer großen Neonampel unter der Hallendecke wird „Miesten Haku“ angezeigt. „Naisten Haku“ würde „Damenwahl“ bedeuten. Aber so müssen die Frauen warten, bis sie aufgefordert werden. Die Männer machen dazu zwar immer eine elegante Verbeugung, andererseits können die Frauen kaum „nein“ sagen. Das wäre unhöflich. Einige von ihnen werden mit eher genervtem Gesicht über die Tanzfläche geschoben.
  Eine Blondine mit dicker Brille steht an der Brüstung und meint, daß das alles so gar nicht dem Emanzipationsgrad der Frauen in Finnland entspricht.
  „Das ist ja gerade das Problem“, erwidert ein alter Mann im Nadelstreifenanzug und mit Seidenkrawatte, „daß die Frauen heutzutage so stark sind.“
  Åke Blomquist ist der große alte Tanzlehrer des finnischen Tango. Nachdem er öfter Vorträge darüber hält, nicht nur in Finnland, weiß er über die neuesten Entwicklungen zwischen Mann und Frau bescheid.
„In Deutschland möchten alle Leute auf einmal Tango tanzen“, sagt er in seinem ganz eigenen Deutsch. „Argentinischen Tango. Das paßt gut zu Paaren, die eine müde Beziehung haben. Diese komplizierten Schritte. Sie denken das ist erotisch. Dabei sind es nur Schritte, Schritte, Schritte. Aber deswegen verstehen die Deutschen das ja erst. Die tanzen nicht mit Gefühl. Die marschieren wie Soldaten.“
  Er meint das nicht ganz so ernst. Auch als er weiterspricht prustet er immer wieder los: „Bei unserem Tango kommt es den Männern auf die Frauen an. Und auf viel Gefühl. Ich unterrichte Gefühl!“
  Die Kapelle auf der einen Bühne hört auf zu spielen. Ohne Pause fängt gegenüber der Star des Abends an. Einer der wenigen großen alten Tango-Sänger, die sich noch nicht zu Tode getrunken haben. Eino Grön ist über 60, aber mit seiner Urlaubsbräune, den goldenen Locken, seinem Ralph Lauren-Polohemd und der dicken Golduhr sieht er eher aus wie ein alter Boxer, der eine Disco auf Mallorca betreibt.
  Nach dem Mischmasch der ersten Kapelle fängt er sofort mit Tango an. Die Tanzfläche wird gleich voller. Zu mehr Gefühlsausbrüchen lassen sich die Leute kaum hinreißen. Jeder in Finnland kennt Eino Grön. Aber bei einem Tanzabend kann auftreten wer will. Die Leute wollen nur tanzen.
Für Åke Blomquist ist es deshalb auch eine unpassende Entwicklung, daß es inzwischen einen Grand Prix des finnischen Tangos gibt, wo mit viel Pomp ein Tangokönig und eine Tangokönigin gewählt werden.
„Noch dazu werden die immer schlechter“, sagt er. „Zum Beispiel, die Tangokönigin vor sieben Jahren war sehr populär. Und sehr gut. Aber dann war sie nur noch im Fernsehen. Sie lacht nur noch. Und das paßt nicht zu uns. Wir lachen nicht so viel.“
  Die Leute bewegen sich auch eher mit ernsten Gesichtern und eng aneinander gepreßt über die Tanzfläche. Die Musik ist fast schon tragisch in ihrer Traurigkeit. Nicht, daß die Leute keine Freude daran haben, aber sie bewegen sich wie in Zeitlupe, jedenfalls im Vergleich zu einem Tango aus Argentinien, einem „Foxi“ oder einem „Wienerschnitzel“, wie Åke Blomquist das nennt.
  In der Pause sitzt Eino Grön zusammen mit seinem alten Kapellmeister in der Garderobe hinter der Bühne. Die beiden müssen ein wenig über ihre Musiker schmunzeln, die sich an einem Tisch in der Ecke beim Kartenspielen streiten.
  Eino Grön und Jaako Salo haben in den 50er und 60er Jahren angefangen. In Finnland war das die große Zeit des Tangos. Er kam zwar schon in den 30er Jahren über Deutschland nach Finnland. Aber er entwickelte erst dort eine eigene, europäisierte Form. In Deutschland war er reine Instrumentalmusik. Erst in Finnland wurden wieder Texte dazu geschrieben.
  „Sehr wehmütige Texte“, sagt Jaako Salo, der die Arrangements von vielen großen Tangos geschrieben hat.
  Und Eino Grön ergänzt: „Der argentinische Tango hat sehr realistische Texte. Der finnische Tango ist eher melancholisch, aber das ist eben unsere Art von Realismus. Einer der ersten Tangohits hieß zum Beispiel ‘Lumihiutaleita’, das bedeutet Schneeflocken.“
  Eino Grön erzählt von wechselseitigen Besuchen mit argentinischen Musikern. Und wie überrascht die Argentinier waren, daß der Tango in Finnland praktisch überall getanzt wird. In Argentinien gibt es ihn nur noch in speziellen Clubs. Oder es werden Tanzvorstellungen auf Bühnen gegeben.
  Für Åke Blomquist ist das nichts. „Tangosänger singen in einer Konzerthalle nicht so gut. Sie singen besser, wenn sie für die Tanzleute singen.“
  Das denkt auch der größte finnische Filmregisseur aller Zeiten: Aki Kaurismäki. Er verwendet Tango nicht nur regelmäßig in seinen Filmen, sondern hat gerade auch ein altes Hotel mit Tanzschuppen gekauft. Das Oiva liegt 60 Kilometer nördlich von Helsinki. Mitten in den Wäldern. So gut versteckt, daß man zuerst nur die Neonschrift über dem Eingang sieht. Aus der Nähe ist es ein ziemlich großer, weiß gestrichener Kasten aus den fünfziger Jahren. Davor steht eines dieser großen New Yorker Taxis, ungefähr aus der selben Zeit. Schwarz gestrichen und in der extra-klobigen Limousinenversion. So ein Auto fährt in der ganzen Gegend sonst kein Mensch. Aki Kaurismäki muss zu Hause sein.
  Es ist Mittagszeit, aber im Speisesaal sitzt niemand. Zwischen einer fünfziger Jahre-Kombination aus Küchenbüffet und Bar lehnt eine junge, völlig gelangweilte Bedienung und raucht. Sie ist ganz in schwarz angezogen und hat eine kurze Perlenkette um den Hals. Die blonden Haare sind hinten zusammengesteckt.
  Aus den alten Lautsprechern kommen finnische Evergreens. Swing und Tango. Alles sehr gedämpft. Man kann nichts anderes tun, als aus den stilvoll elfenbeinfarben gestrichenen Holzfenstern zu schauen und schwermütig zu werden. Draußen regnet es in Strömen.
  Nach einer Stunde kommt Aki Kaurismäki. Er ist aufgehalten worden. „Was für eine blöde Idee, dieses Hotel zu kaufen. Nichts als ärger.“ Bis vor einem Jahr war das Oiva noch Altenheim. Dann war es zu verkaufen. Und nachdem im Umkreis von zig Kilometern kein Hotel existiert, glaubte Aki Kaurismäki an ein gutes Geschäft. Wenn nicht als Hotel, dann wenigstens als Restaurant. „Ich dachte, die Leute würden zum Essen herkommen, aber hier in der Gegend geht niemand zum Essen. Das kann sich niemand leisten.“
  Die Tango-Abende nebenan im Schuppen laufen dafür um so besser. „Das ist aber auch kein Kunststück“, sagt Aki Kaurismäki. „Tango ist nunmal unsere Nationalmusik.“
  Er erzählt, wie er mit zehn Jahren ein altes Tonbandgerät auf dem Dachboden gefunden hat. Und eine Kiste mit Tonbändern. Voll mit alten Tangos. Seine Freunde hörten alle Beatles. Für Aki Kaurismäki gab es nur noch Tango.
  Sein Favorit war Olavi Virta, der in den Fünfzigern und Sechzigern in Finnland verehrt wurde wie sonst vielleicht höchstens Elvis in Memphis. „Gewisse Amerikanismen liegen uns in Finnland schon immer sehr nahe“, sagt Aki Kaurismäki. „Olavi Virta war verrückt nach Straßenkreuzern. Ich kann mich erinnern, daß es bei uns vor 30 Jahren noch so gut wie keinen Asphalt gab. Nur Schotterstraßen. Aber Olavi Virta fuhr immer nur Vollgas. Immer 160.“
  Die Eltern von Olavi Virta waren ganz arme Schlucker. Er selber hatte eine Lehre als Elektriker gemacht. Ein paar Jahre später hatte er sechsundzwanzig Straßenkreuzer. Außerdem einen Verlag, eine Plattenfirma und eine Reihe von Plattenläden. Er lebte in Hotels und hatte immer viele Leute um sich, denen er alles kaufte. Dabei war er eigentlich ein zutiefst trauriger Mensch. Er trank sich langsam zu Tode.
  Am Schluß hatte er kein Geld mehr und konnte sich nur noch auf Krücken bewegen. Zeitweise wurde er von Zigeunern gepflegt, die ihn schon immer vergöttert hatten. Wenn er noch irgendwo auftrat, wurde er als wandelnder Fettklos verspottet. Dabei war er besser als je zuvor. Nachdem er sich immer auf Komponisten und Texter verlassen hatte, schrieb er jetzt alles selber.
  „Das Zeug war von tragischer Schönheit“ sagt Aki Kaurismäki. „Diese ganzen Tango-Kings von heute, die wollen sich nur ein angenehmes Leben machen. Und die klingen auch ganz anders. Ohne jetzt zu romantisch werden zu wollen: ich glaube, je mehr ein Mensch leidet, desto tiefer sind auch seine Gefühle.“
  Fast genau das gleiche Schicksal hatte auch Unto Mononen, über den Aki Kaurismäki gerne seinen nächsten Film drehen würde. Und dann erst neulich Rauli Somerjoki, der das Titelstück in „Wolken ziehen vorüber“ sang.
  Aki Kaurismäki muß überlegen, wer denn überhaupt noch übrig ist: „Rainer Friman hat bis vor ein paar Jahren noch ganz andere Sachen gemacht. Aber dann war er in einem tiefen Loch. Jetzt ist er ein ziemlich guter Tango-Sänger. Aber vom ganz alten Schlag gibt es nur noch Reijo Taipale und Markus Allan. Das sind die Hüter der Flamme.“
Beiden hat er seinen Respekt erwiesen. Reijo Taipale ist in „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ aufgetreten und Markus Allan in „Wolken ziehen vorüber“.
  Es bedrückt Aki Kaurismäki ein wenig, daß Markus Allan und seine großartige Kapelle vom Kinopublikum in Deutschland vielleicht als Altersheimcombo gesehen worden sein könnten. Überhaupt würde er am liebsten noch ein paar Bier trinken und sich über die völlige Abwesenheit von Hoffnung in der kapitalistischen Welt unterhalten. Aber er muß noch zu irgend einem dieser schrecklichen Filmfestivals fahren.
  Schweren Herzens bestellt er sich eine Jaffa-Orangenlimonade.
  Zwanzig Kilometer weiter, noch zwanzig Kilometer weiter im Wald, ist die Stimmung nicht viel besser. Pauli Virta steht im Wohnzimmer seiner selbst gebauten Holzvilla und schaut aus dem Panoramafenster. Andere Leute würden vielleicht das Rennpferd auf der Koppel sehen, oder daß über einem tiefblauen See die Sonne durch die Wolken kommt. Der Sohn von Olavi Virta hat ganz andere Sachen im Kopf.
  „Vielleicht trinke ich zu viel“, lacht er und streicht mit der Hand über den Cowboysattel, der über einer Sessellehne hängt. „Aber es ist nicht leicht so einsam zu leben. Ich mag das gar nicht. Aber woanders werde ich ständig angesprochen. Ständig fallen irgendwelche älteren Frauen halb in Ohnmacht und rufen: ‘Oh, ganz der Vater.’ Mein Vater war einfach so wahnsinnig berühmt.“
  Pauli Virta ist selbst Tangosänger. Aber er hat es aufgegeben, seinen eigenen Stil zu suchen. Die Leute wollen sowieso nur, daß er singt wie sein Vater. Jetzt führt er auch ein ähnliches Leben. Er kam nicht so groß heraus, er fiel nicht so tief, aber den Rest kriegt er genauso wenig hin. Für ihn sind es die drei wahnsinnig teuren Rennpferde, mit der er seiner Tochter einen Anreiz bieten wollte, ihn wenigstens hin und wieder zu besuchen. Sein Vater kaufte in den Fünfizigern in New York eine Küche, wie man sie bis dahin in Europa noch nicht gesehen hatte. Seine Ehe rettete das auch nicht.
„Auch seine Straßenkreuzer kaufte er gleich immer drüben“, erzählt Pauli Virta. „Jedes Jahr mindestens einen. Einmal war er mit einem Freund dort. Sie hatten den ganzen Abend in einer Bar gesessen und gingen zurück zum Hotel. Da sah mein Vater einen wunderschönen Ford im Schaufenster. Den wollte er unbedingt haben. Er rief den Besitzer des Autohauses an. Aber der wollte nicht kommen. Also nahm er einen Backstein und warf das Schaufenster ein. Zwei Polizisten kamen und fragten: „Was zum Teufel machen sie da?“ Er sagte: „Ich kaufe ein Auto.“ Er kaufte es noch in der selben Nacht. Und er bezahlte die Scheibe.“
  Pauli Virta kennt seinen Vater fast nur aus solchen Geschichten. Wenn er auch nur die Hälfte davon glaubt, sagt er, hat sein Vater ein wildes Leben geführt.
  Selbst kann er sich nur an wenige Bilder erinnern. Sein Vater beim Frühstück. Mit einem Teller Haferschleim und einem Zahnputzglas voll Bourbon.
  Ansonsten war Olavi Virta nie zu Hause. Er war so lange unterwegs, bis es kein zu Hause mehr gab. Wobei der Absturz erst begann, als er einen Zeitungsreporter verprügelte. Das war der erste große Skandal in der finnischen Unterhaltungsindustrie.
  „Mein Vater nahm das sehr schwer“, sagt Pauli Virta. „Danach hat er nur noch getrunken. Aber um so mehr berührten seine Worte die finnische Seele. Schade, daß im Ausland die Bedeutung verloren geht. Aber wenn man zuhört, kann man es vielleicht spüren. Er fand genau den richtigen Ausdruck für Leute, denen etwas in ihrem Leben fehlt. Die am liebsten nur noch Heulen möchten.“
  Wenn das so ist, scheint auf der anderen Seite von Finnland, auf einer der verschlungenen Halbinseln der östlichen Seenplatte, ziemlich vielen Leuten etwas zu fehlen. Und sei es nur die Sonne. Die Nächte werden so langsam wieder länger. Der Ort Pihlajalahti war in der Dunkelheit kaum zu finden. Daß man irgendwo in der Nähe zum Tanzen gehen kann, kann man sich nur deswegen denken, weil bei einer kleinen Bucht gerade lauter fein gemachte Leute mit Motorbooten und beleuchteten Segelbooten anlegen. Nach den aufgepinselten Heimathäfen zu schließen, fahren sie teilweise stundenlang über den See, um aus größeren Orten wie Savonlinna oder Punkaharju herzukommen.
  Vor einem Kassenhäuschen stehen ein paar Frauen, mit Strickjacken und Mänteln über ihren bunten Kostümen. Das Kassenhäuschen ist innen hell erleuchtet und hellblau gestrichen. Der Veranstalter zündet sich in aller Ruhe eine Zigarre an. Mit seinen dicken Koteletten und seinem kirschroten Sakko sieht er aus wie ein übriggebliebener "Rock ́n ́Roller", aber auch diese Spezies hat im finnischen Tango ihren Platz.
  Er erzählt, daß die Tango-Königin vom letzten Jahr krank ist. Aber daß dafür Rainer Friman auftritt. „Der ist eh viel besser“, bestätigt er noch einmal die Auffassung von Aki Kaurismäki. „Einer der Besten!“
Eine schmale Holztreppe führt einen steilen Hang nach oben. Die Temperatur ist noch so angenehm, daß sogar noch ein paar Grillen zirpen. Durch die Bäume leuchten die ersten bunte Lichter. Auf halber Höhe des Hangs gibt es eine ebene Fläche. Um einen Innenhof herum stehen Reihen von überdachten Biertischen, eine mit Schilf dekorierte Cocktailbar und ein Grill, auf dem rot eingefärbte Makkara-Würstchen liegen. In den Hang selber hineingebaut steht eine der gewagtesten Tanzhallen Finnlands. Das dreieckige Wellblechdach zeigt vorne steil nach oben. Wie bei einem Schiffsbug oder einer modernen Kirche. Darunter ist alles aus gehobelten Baumstämmen und Glas.
  Durch die weit offenen Flügeltüren an der Längsseite geht man in das gemächliche Rot-Grün-Blau einer Lichtorgel. Unter der hohen Decke hängen Lichterketten, Lampions, Luftballons und bunte Wimpel. Rund um die Glasflächen nach draußen sind Papierblumen festgetackert.
Die Bühne ist noch leer. Ein paar Leute tanzen zu alten Tangoplatten. Die meisten sitzen aber auf den Bänken an den Wänden und plaudern. Sie lassen sich auch nicht stören, als die Kapelle mit einem Stück von Chuck Berry beginnt.
  Ein ganz und gar unscheinbarer Mann steigt auf die Bühne und fängt an zu singen. Als ob ihm das Mikrofon aus Zufall in die Hand gefallen wäre. Als ob nicht auf einmal alle Leute wegen ihm zu Tanzen anfangen würden. Auf den Plakaten ist Rainer Friman ganz in rotem Leder. Heute ist er ganz in schwarz. Schwarzes Sweatshirt, schwarze Nadelstreifenhose und schwarze Slipper.
  Er wickelt die Mikrofonschnur um die rechte Hand, die gelähmt zu sein scheint - ansonsten bewegt er sich überhaupt nicht. Er steht einfach nur da. Aber schon nach den ersten Takten sieht er so aus, als ob er gleich in Tränen ausbricht.
  Links von der Bühne stehen drei Frauen und können so viel Gefühl kaum aushalten. Eine hat die selbe, sorgfältig hochgesteckte Frisur wie die junge Bedienung im Oiva. Auch wieder in blond. Allerdings ist sie gut und gerne doppelt so alt. Bis auf ihr Lächeln, das dann aber mit jedem Stück immer mehr zu Bruch geht. Im Laufe der nächsten Stunde drückt ihr Gesicht so ziemlich alles aus, was ein Gesicht überhaupt ausdrücken kann. Am Schluß sitzt sie nur noch am Bühnenrand, hält eine Hand vor den Mund und kann selbst kaum glauben, was sie hier eigentlich treibt.
  Rainer Friman kommt mit gesenktem Kopf von der Bühne. Er ist ganz aufgewühlt. Genau wie die Frau. Der Tango hat die beiden heute Abend vielleicht aus verschiedenen Gründen berührt. Aber die Intensität ist die selbe. Die beiden sehen sich an. Die Frau fragt nach einem Autogramm. Sie hat einen Kugelschreiber, aber kein Papier. Rainer Friman schreibt ihr auf den Unterarm. Und zwar nicht nur ein Autogramm. Er schreibt den ganzen Unterarm voll.
  Draußen auf den Bierbänken sitzt inzwischen niemand mehr. Es ist kalt geworden. Manche brauchen vor der Heimfahrt noch ein paar Makkaras mit Senf. Ansonsten warten nur vor der Hütte mit den Plumpsklos noch ein paar Leute.
  Auf den Türen steht wieder „Naisten“ und „Miesten“. Auch innen ist zuerst alles fein säuberlich getrennt. Durch eine sandfarben gestrichene Bretterwand. Durch hübsche Accessoirs: Vorhänge mit Schiffchen für die Männer. Plastikrosen und Fächer mit Blütenmuster für die Frauen. Aber noch weiter drinnen machen alle in die selbe Grube.

Veröffentlicht 1999 u. a. in: Das Magazin, Zürich, Der Standard, Wien, Rolling Stone und Frankfurter Rundschau

CD: Tule Tanssimaan - Finnischer Tango (Trikont Schallplatten, Best.-Nr. US-0250)

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