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Steven Rambam - Jewish Superman

Steven Rambam, jüdischer Superdetektiv aus den Krimis von Kinky Friedman, existiert wirklich - und ist sogar einer der erfolgreichsten Nazi-Jäger der Welt.

  Steven Rambam wartet schon hinter der Drehtür seines Hotels. Groß, massiv, kurze Haare, gesunder Teint. Er hat schon Sport gemacht - danach ist er gleich im Trainingsanzug geblieben, hat einen Happen gefrühstückt und will sich nun Frankfurt anschauen.
  Draußen wirft er einen Blick auf den Stadtplan und entscheidet dann, dass das Jüdische Museum hinter dem Messeturm liegt. Er sagt das wie ein Soldat, der sich anhand der Karte in feindlichem Gebiet bewegt. Sofort marschiert er los und stellt bei dieser Gelegenheit klar, dass er zwar Deutsch spricht, sich aber weigert es anzuwenden. Wenn man nach dem Grund fragt, sagt er zum ersten Mal an diesem Tag: „None of your business“. Er wird das noch oft sagen. Entweder mit einem geheimnisvollen Lächeln. Oder so beiläufig wie man sagen würde, dass die Wolken nach Regen aussehen.
  Rambam muss auf sich aufpassen. Es laufen genügend Leute herum, die ihm schaden wollen. In Kanada hat er innerhalb von zwei Jahren mehr Kriegsverbrecher aufgespürt, als die Regierung in fünfzig Jahren. Gerade hat er einen Fall gegen die Hamas abgeschlossen. Da geht es um planmäßige Morde an Israelis. Er sagt, dass er keinen gesteigerten Wert darauf legt, die Beweise unmittelbar seinem Schöpfer vorzulegen.
  Beim Messeturm stellt sich wieder die Frage nach der Richtung. Weiter vorne stehen zwei Polizisten. Man könnte ja fragen. Rambam winkt ab: „Too easy!“
  Er findet das Jüdische Museum dann auch wirklich auf dem wahrscheinlich geradesten Weg. Es hat anscheinend noch geschlossen. Rambam stützt sich aufs Geländer und erzählt, dass er erst in letzter Zeit Nazi-Jäger geworden ist. Detektiv ist er mit seinen 40 Jahren schon sein halbes Leben lang. Zwischendurch hat er auch mal für die Sicherheit irgendwelcher Leute gesorgt, die bei irgendwelchen anderen Leuten auf Todeslisten standen – von Netanjahu zum Beispiel, dem israelischen Ministerpräsidenten - aber Rambam’s Fachgebiet ist eher das Finden von Leuten die nicht gefunden werden wollen, sowie international vernetzte Verbrechen. Er hat Büros in New York, San Antonio, Toronto und Haifa.
  Dass er in Frankfurt ist, hat noch mit seinem vorigen Fall zu tun. Er hat Beweise gegen einen ehemaligen SS-Mann gefunden, gegen den die Staatsanwaltschaft in Aachen schon zweimal vergeblich ermittelt hat.
  „Es gibt da einen Professor in Montreal, von dem niemand wusste, dass er in der SS war. Ich habe ihm versprochen, dass er in den Himmel kommt, wenn er mir ein paar Namen gibt.“
  Der Professor erzählte ihm, wie seine Einheit einmal jüdische Häftlinge aus Theresienstadt holte, um Panzergräben zu schaufeln. Am zweiten Tag nahm sein Vorgesetzter ein Gewehr, ging damit zur Grube und schoss sieben Leute tot. Einfach so. Als das Magazin leer war, ging er zurück zu den anderen SS-Männern und unterhielt sich ganz normal weiter.
  Rambam hat die Aussage des Professors auf Video. Sobald er wieder zu Hause in New York ist, wird er die Cassette nach Aachen schicken. Er verspricht sich zwar nicht viel davon – die Staatsanwälte dort werden genauso genervt sein wie woanders - aber sie werden die Ermittlungen zumindest wieder aufnehmen müssen.
  Rambam erzählt, dass der beschuldigte SS-Mann heute in einem schönen kleinen Haus in einer schönen kleinen Stadt im Allgäu wohnt.
  „Seine Frau ließ mich natürlich nicht rein. Er selbst schlich auf den Balkon um zu lauschen. Ein Freund von mir hat alles mit der Kamera beobachtet. Dann kamen allerdings zwei von euren sauberen deutschen Polizisten. Keine kleinen Streifenpolizisten, sondern welche mit vielen Sternen auf der Schulter.“
  Polizisten sind nicht unbedingt seine Freunde. Er erzählt von einem Vorfall neulich in München. Bis heute weiß er nicht, warum die drei Skinheads gerade ihn angegriffen hatten. Und aus dem Augenwinkel heraus sah er die ganze Zeit ein Polizeiauto. Er musste erst einen der Skinheads durch ein Schaufenster werfen, bevor die Polizisten ausstiegen. Und das auch nur um Rambam zu verhaften. Er musste erst einen anscheinend legendären Ausweis vorzeigen. „License to kill“, oder irgend etwas in der Art.
  Nach ein paar weiteren Minuten auf der Treppe des Jüdischen Museums glaubt Rambam wohl jetzt auch mal etwas Nettes über die Deutschen sagen zu müssen. Kurz vor der Wende ist er mit der Eliteeinheit der DDR-Fallschirmjäger gesprungen. In israelischer Uniform. Das hat niemanden gestört. Nette Kerle waren das.
  Der Rest ist dann schon wieder „none of your business“. Das sagt er nun schon zum wiederholten Mal. Man bekommt von ihm immer nur die Information die er auch wirklich geben will. Sicherheit geht vor. Sein Leben hängt davon ab.
  Was er zugeben kann ist, dass er das israelische Fallschirmjäger-Abzeichen hat. Auf die Frage, ob das bedeutet, dass er israelischer Staatsbürger ist, schiebt er vieldeutig hinterher, dass er in erster Linie Jude ist. Aber dass er auch das entsprechende deutsche Abzeichen hat. Von daher ist er vielleicht Deutscher.
  Oder lieber doch nicht. In Deutschland fühlt er sich nie so recht wohl in seiner Haut. So gesehen war es für ihn ganz bequem, dass nach dem Krieg so viele alte Nazis nach Kanada gegangen waren. Sogar heute gibt es dort noch 15.000 SS-Veteranen - außerdem ganze lettische, litauische oder ukrainische Polizeibatallione.
  „Das waren alles dermaßen gute Killer, dass sie oft auch von der SS übernommen wurden. Irgendwann habe ich mich entschieden, dass ich vor allem diese Leute jage. Weil das sonst niemand tut. Das waren die Leute, die die Drecksarbeit des Holocaust gemacht haben. Die sind jetzt alle in Kanada. Zusammen mit Kriegsverbrechern aus Serbien, Ruanda, was weiß ich. Kanada ist für jedes Stück Scheiße auf der Welt erste Wahl.“
  Aus der Museumstür kommen ein paar Leute. Anscheinend ist doch schon geöffnet. Rambam unterhält sich mit dem Mann an der Kasse auf Hebräisch. Am Schluss schüttelt er den Kopf und sagt: „New York!“ Und dann: „Brooklyn!“
  Drinnen hält er sich bei keinem Bild allzu lange auf. Anfangs erzählt er noch über Leben und Werk von Felix Nußbaum, einem der Maler, dann wird er immer grimmiger. Eigentlich hatte er hinterher in der Cafeteria etwas essen wollen. Aber irgendwie ist ihm der Appetit vergangen.
  Draußen fängt er an zu schimpfen: „Der Mann an der Kasse meinte, dass es allein in Frankfurt 7000 Juden gäbe. Ich finde das ekelhaft. Was haben die hier verloren? Wenn Juden nicht so neurotische Wracks wären, sondern normale Menschen, würde nicht ein einziger Jude in Deutschland leben. Jeder einzelne von denen ist einfach krank. Ohne jeden Selbstrespekt.“
  Er erzählt, dass er einmal zu einer Jüdischen Jugendgruppe gehörte. Zu Hitler’s Geburtstag gab es immer ein paar Nazis, die meinten das Ganze mit einer Art Parade feiern zu müssen. Denen gaben Rambam und seine Freunde immer mit Baseballschlägern auf die Köpfe.
  Später war er Leiter des Jewish Power Council: „Dort haben wir erst recht nicht an die Klagemauer geglaubt, sondern an solche Mauern, gegen die man Nazis und Ku-Klux-Klan laufen lassen kann.“
  Dieser Meinung war auch Kinky Friedman. Damals schrieb er noch keine Krimis, sondern spielte Country-Musik. Sein größter Hit hieß „They aint making jews like Jesus anymore“. Die Strophe ging weiter mit: „We don’t turn the other cheek the way we done before.“
  Rambam bat Kinky, auf einem Benefiz-Konzert für das Jewish Power Council zu spielen. Kinky stand unmittelbar nach einem orthodoxen Sänger auf der Bühne und spielte „Get your biscuits in the oven and your buns in the bed“.
  Außer Rambam fand das jeder peinlich. Die beiden freundeten sich an. Rambam besuchte den „Kinkster“ oft auf dessen Ranch in Texas. Als der dann Krimischriftsteller wurde, durfte Rambam, inzwischen Detektiv, ihm als technischer Berater und dann auch noch als Inspiration zu einer der Hauptfiguren helfen. Das ist nun schon eine Weile her. Aber Rambam wird immer noch zu Rate gezogen, wenn es um harte Fakten geht. Bei irgendwelchen Hi-Tech-Ausrüstungen zum Beispiel, auf die kein normaler Mensch jemals kommen würde. In einem der Krimis steht zum Beispiel etwas von einer Abhörvorrichtung, die durch Laserstrahlen funktioniert, die man auf’s Fenster richtet.
  Rambam muss lachen. „Laser-Mikrofon. Kennt jeder Detektiv. Das überträgt die Vibrationen des Fensters. Am anderen Ende wird das per Computer dekodiert. Deshalb hat man in Botschaften auch immer zweifache Fenster. Dazwischen steht ein Tongenerator der Weißes Rauschen erzeugt. Mit dem Laser hörst du dann nur: „Chhhh!“ Keine Frage, dass Rambam natürlich auch jedes Schloss aufkriegt. Kinky Friedman sprach in einem seiner Bücher von einer Art „Vibrator-Schlüssel“.
  „Elektrischer Dietrich“, sagt Rambam. „Sieht aus wie eine Taschenlampe mit Sonde. Du kannst so viele Zacken zuschalten wie du brauchst. Die tasten dann das Schlüsselloch ab. Tausendmal in der Sekunde. Das macht nur: „Rrrr-Klick!“ Das ist ein Generalschlüssel für die ganze Welt.“
  In Kinky Friedman’s neuestem Buch wird Rambam wegen solcher Dinge zum „Jewish Superman“ erklärt. Im Buch vorher erledigt er sieben Kolumbianer im Aufzug. Tut er so etwas wirklich?
  Rambam grinst etwas verschämt und sagt, dass er noch nie in eine solche Verlegenheit gekommen ist. Hin und wieder musste er zwar schon mal hart durchgreifen, aber meistens war er verschwunden, bevor der übeltäter überhaupt wusste, dass er ein Problem hatte.
  Es ist von daher auch eher Kinky Friedman’s Humor, wenn er in seinen Büchern immer wieder behauptet, dass Rambam in jedem US-Staat mit einem „I“ am Anfang gesucht wird. Sowas könnte sich Rambam gar nicht erlauben. Um als Detektiv anerkannt zu werden, muss man in New York drei Jahre lang über dem Rang eines Streifenpolizisten gearbeitet haben. Außerdem wird man ständig überprüft. Wenn er wirklich gesucht werden würde, könnte er seine Lizenz vergessen.
  Auf dem großen Platz vor der Paulskirche probt ein Orchester. Irgend etwas Leichtes, Freundliches. „Peter und der Wolf“ – Rambam erkennt das schon nach den ersten Takten. Eigentlich würde er gerne zuhören. Aber vor allem muss er dringend etwas Essen. Schließlich will er auch noch von seinen eigenen Fälle erzählen. Von Sachen, die wirklich Bedeutung haben. Nicht irgendwelchen Detektiv-Krimskrams.
  Rechts von der Bühne gibt es ein italienisches Eiscafé. Rambam bestellt sich ein extra-großes Stück Mascarpone-Torte. Im Hintergrund kommt das Orchester so langsam zum Thema.
  Also! Die Sache fing Mitte der Achtziger an. Rambam war damals zusammen mit einem hohen Justizbeamten in Kanada. Irgendwann kam ein alter Mann auf ihn zu und gab ihm eine Liste mit Namen von Nazis, die sich angeblich in Kanada aufhielten. Rambam reagierte genervt. Schon damals kamen ständig Leute mit irgendwelchen vermeintlich heißen Themen zu ihm. Meistens völlig lächerliches Zeugs. Zu Hause legte er die Liste erstmal in eine Schublade und dachte nicht mehr daran.
  Zehn Jahre später war er mit seiner Agentur gerade beim Umziehen und merkte auf einmal, dass er mit dem Verpacken zu früh fertig geworden war. Er und seine Leute hatten noch drei Stunden bevor die Umzugslaster kamen. Alle saßen herum. Rambam verteilte zum Spaß die Liste des alten Mannes. Einfach mal sehen: Wer findet auch nur einen einzigen wirklich bösen Buben unter diesen ganzen Namen?
  Drei Stunden später hatten sie nicht nur einen, sondern gleich drei. Hieb- und stichfest. Sogar mit Adressen. Alle fanden das ganz lustig. Aber Rambam konnte nachts nicht mehr schlafen.
  „Ich rief jemanden in Israel an. Er startete eine kleine Suchaktion und ich legte mich wieder ins Bett."
  Drei Stunden später kam der Rückruf: „Wo um Himmels willen kommen diese Namen her?“
  Ich sagte: „Mann, es ist mitten in der Nacht.“
  „Und ich rufe deshalb mitten in der Nacht an, weil gegen zwei dieser Leute Todesurteile bestehen. Das sind Nazis, die schon ewig gesucht werden.“
  Nach einer Woche hatte Rambam 35 Leute gefunden. Manche von ihnen standen einfach im Telefonbuch, im Grundbuch, in Wählerlisten oder sie hatten einen Führerschein. In Kanada muss sich kein Kriegsverbrecher ein neues Gesicht zulegen, so wie Mengele in Argentinien. Nicht einmal einen neuen Namen.
  Nach 6 Wochen hatte er eine Liste mit sage und schreibe 1100 Adressen. Er musste anfangen auszuwählen. Entweder nach der schieren Anzahl von Morden. Oder nach Grausamkeit: Einmal blätterte er durch alte Akten und sah, dass einer anscheinend auf Morde an Kindern spezialisiert war.
  Rambam hatte damals gerade ein Jahr undercover für den US- Geheimdienst gearbeitet. Er hatte Papiere, Kreditkarten und alles mögliche auf den Namen Salvatore Romano.
  Er rief einen früheren britischen Diplomaten in Belize an - einen ausgekochten Gauner, der sein Geld inzwischen mit dem Aufbau „abstrakter“ Bankkonten und Firmen verdiente. Rambam fragte ihn wie man eine Universität gründet. Kein Problem - dauert eine Woche - kostet keine tausend Dollar.
  Telefon, Fax und E-Mail wurden eingerichtet - eine Homepage ins Internet gestellt. Rambam wurde Assistenzprofessor Salvatore Romano von der St. Pauls University in Belize.
  „Wenn du undercover arbeitest“, sagt er, „muss deine Identität perfekt sein. Besser als jedes Computerspiel. Egal was der Gegner für einen Knopf drückt - du musst schon vorher bereit sein. Du musst wirklich zu dieser Person werden.“
  Er sagt das auf dem Weg hinunter zum Main. Wieder wird er durch Musik aus seinen Gedanken gerissen. Diesmal allerdings andere Musik. Typisch deutsch. Drüben, am anderen Ufer scheint so etwas wie ein Bierfest im Gange zu sein. Rambam findet das gut. Er braucht nach der Torte sowieso etwas Salziges.
  Auf der Brücke sieht man so langsam, dass viele der Leuten kleine Kappen auf dem Kopf tragen.
  „Oh“, wundert sich Rambam zuerst, „hier scheint es wirklich viele Juden zu geben.“
  Dann sehen die Kappen aber immer seltsamer aus. Burschenschaftler. Genau die Falschen.
  Rambam schüttelt den Kopf: „Genau die Richtigen. Let’s go!“
  Bei der Bierausgabe hält er noch den Mund, aber in der Schlange vor dem Bratwurststand fängt er dann schon an zu stänkern. Ob man so einen Hut eigentlich nur zu bestimmten Anlässen aufsetzt. Zum Beispiel, wenn man aussehen will wie ein Clown.
  Keiner versteht ihn. Aber unmittelbar vor der Kapelle ist noch ein Tisch frei. Rambam stört sich nicht an der Lautstärke. Genauso wenig wie ein alter Mann, der sich im selben Moment mit dazu setzt.
  Rambam fragt ihn, was der ganze Aufzug zu bedeuten hat. Der alte Mann erzählt irgendwas von alten Akademikern, die jungen Leuten helfen müssen.
  Rambam sagt, dass es so etwas auch zu Hause bei ihm in Texas gibt. Aber sonst tut er so, als ob er überhaupt keine Ahnung hätte. Etwa von der politischen Situation in Deutschland.
  Der alte Mann erzählt, dass die Ausländer den Deutschen die Arbeitsplätze wegnähmen. Allein in Berlin gäbe es 20.000 Vietnamesen. Die Männer täten nichts anderes als Zigaretten zu verkaufen und die Frauen gingen alle auf den Strich.
  Rambam fragt, ob das vorher deutsche Arbeitsplätze gewesen wären, aber der alte Mann bekommt den Witz nicht so ganz mit. Rambam wird deutlicher. Er erzählt, dass auch in Texas Fremde die Macht übernommen hätten. Dreckige Mexikaner, Spanier, Yankees.
  Der alte Mann trifft daraufhin eine Feststellung, die nur Sinn macht, wenn man in den einschlägigen Codes geübt ist. So ungefähr: „Dann hat Texas mit New York wohl nicht so viel am Hut.“ Und er meint damit das „klassische“ amerikanische Judentum in New York.
  Rambam knurrt verschwörerisch: „In Texas, we hate everybody.“
  Und von einem Moment auf den anderen legt der alte Mann los. Hitler hat doch viel Gutes getan, wenn man es genau nimmt. Und spätestens nach der Wannsee-Konferenz war doch klar, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Da wäre es doch dumm gewesen, noch dermaßen viele Juden zu ermorden. Was ja auch technisch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre.
  Rambam fragt ihn, ob er heutzutage Hitler wählen würde.
  Der alte Mann zögert.
  Rambam lächelt ihn freundlich an und sagt, dass er schließlich nicht von der Polizei wäre.
  Der alte Mann lächelt zurück und meint, ein neuer Hitler wäre schon nicht schlecht.
  Rambam verabschiedet sich und kommt mit alldem was hinter seiner gefasst wirkenden Fassade vorgeht kaum noch um die nächste Ecke. Er hatte eigentlich nur demonstrieren wollen, wie leicht man solche Leute aushorchen kann. Aber das war jetzt wirklich peinlich, so leicht war das. Peinlich für dieses Land. Einfach nur ein paar Knöpfe drücken und schon plappert dieses Arschloch alles aus, was an Scheiße in ihm steckt.
  Rambam ist furious. Kaum zu beruhigen. Er geht in den nächsten Döner wie in eine Oase des Antifaschismus. Nach einer Dose Coke und einem Döner kann er weitererzählen. Er fuhr also zu diesen Leuten hin und erzählte ihnen, dass er seine Doktorarbeit schreiben wolle. Titel: Gegen die Verwechslung militärischer und ziviler Kräfte bei der Unterstützung des Gesetzesvollzugs zu Kriegszeiten.
  „Natürlich wusste kein Mensch was das bedeuten sollte. Aber als gute deutsche Soldaten wussten alle, warum ich Herr Doktor werden will.“
  Rambam kam wie der typische Akademiker zu diesen Besuchen. Mit wirren Haaren, Strickjacke mit Knöpfen und dazu meistens ein Hemd mit Krawatte, wahlweise ein T-Shirt mit dem Wappen der angeblichen Uni.
  Darunter trug er einen Minirecorder. Außerdem hatte er immer einen Füller mit eingebautem Mikrofon und Sender dabei. Und im Umkreis von dreihundert Metern saß jemand mit einem Empfänger und einigem technischen Spielzeug, falls es drinnen ungemütlich werden sollte.
  Sein erster Gastgeber wurde ein wenig nervös, als die Rede auf Juden kam. Aber bei Zigeunern konnte er sich nicht mehr beherrschen. Er erzählte, wie er eigenhändig 26 von ihnen getötet hatte.
  Rambam fragte: „Habt ihr die genauso zusammengetrieben wie die Juden?“
  „Ach was. Den Zigeuner haben wir umgebracht wo wir ihn fanden.“
  Anschließend erzählte er, wie seine Männer immer die jüdischen Frauen vergewaltigten. So ungefähr: Solche Schlawiner! Und bei einem Stück Obstkuchen erzählte er, wie er fünftausend Juden erschießen ließ.
  „Mir hatten Leute auch vorher schon die grausamsten Sachen gestanden“, erzählt Rambam. „Aber ich hatte noch nie mit jemandem am Küchentisch gesessen, der fünftausend Brüder und Schwestern von mir umgebracht hatte. Ich dachte nur: Ich bin hier noch nie gewesen. Niemand hat mich ins Haus gehen sehen. Ich bringe den Kerl um, steige ins Auto und niemand wird je erfahren was passiert ist.“
  Er hat danach noch 63 andere Leute besucht. Aber deswegen wurde nichts leichter. Alles immer schlimmer. Er versuchte, das Ganze als persönlichkeitsbildende übung zu sehen. Er sagte sich, dass er ganz klar der beste Detektiv der Welt sein müsse - bei soviel Selbstbeherrschung.
  Vor allem dauerte es oft ewig, bis die Leute mit der Wahrheit herausrückten. Einmal war er bei einem lettischen Polizisten, der steif und fest behauptete, dass er Juden immer nur erschrecken wollte: „Ich tat als ob ich schießen würde und sie liefen davon und fielen vor lauter Angst hin, haha!“
  Rambam kam ein paar Monate später wieder. Der Polizist dachte inzwischen wahrscheinlich, dass ihm nichts passieren würde. Rambam konnte es sich sogar leisten, noch jemanden mitzubringen.
  Er hatte sich inzwischen jeweils einen Standardspruch für Soldaten und Polizisten ausgedacht. Hinterher erzählten ihm die Leute dann immer alles. Einfach weil sich dieser Spruch so verständnisvoll anhörte.
  Irgendwann nahm er den Mann beiseite und sagte: „So wie ich das sehe, sind sie Polizist geworden, weil sie für Recht und Ordnung sorgen wollten. Wegen der Juden waren sie dann aber gezwungen wie ein Soldat zu handeln - obwohl sie eine ganz andere Ausbildung hatten. Also sind eben manchmal Unfälle passiert.“
  „Genau! So war's!“ Der Polizist sieht sich nach Rambam’s Begleiter um und flüstert dann praktisch direkt in den Füller: „Ich habe natürlich auch Juden umgebracht.“
  Zurück im Hotel geht Rambam gleich in sein Zimmer im 35. Stock. Pinkeln und Nachrichten abhören. Vom Fenster aus kann man gut in andere Wolkenkratzer schauen. Aber man ist auch eine gute Zielscheibe.
  Rambam ist sofort wieder am Futtern. Er fährt sich über den kaum zu sehenden Bauch und meint, dass er mehr sit-ups machen müsste. In letzter Zeit wäre er ein wenig lustlos gewesen. Vor allem aber wollte er keine Nazis mehr jagen. Die Kanadier sollten selber schauen, was sie mit seinen Interviews machten.
  „Die haben sogar noch Zeit“, sagt er. „Diese Nazis scheinen nicht zu sterben. Ich glaube, sie haben Angst davor.“
  Am Anfang hatte die kanadische Regierung allerdings wohl eher darauf spekuliert, einfach alles weiterlaufen lassen zu können wie bisher. Aber dann hatte Rambam sie in aller öffentlichkeit blamiert. Sie musste wenigstens so tun, als ob sie ein paar Nazis ausweisen wolle. Auch wenn Rambam schon an den ersten Aktionen sah, dass man nicht hinter den ganz großen Nummern her war.
  „In meinen Augen“, sagt er, „ist die kanadische Regierung ein Haufen antisemitischer Bastarde!“
  Wenigstens der Canadian Jewish Congress wusste seine Arbeit zu schätzen. über die Methoden konnte man zwar nur staunen, aber das Ergebnis war so sensationell, dass Rambam einen Teil der 140.000 Dollar zurück bekam, die ihn der ganze Spaß gekostet hatte.
  Dumm war nur der ganze Medienrummel. Eine CBS-Dokumentation über seine Arbeit lief sogar in Israel.
  Rambam schmunzelt: „Kurz vor der Ausstrahlung hatte mich meine Mutter gefragt: „Hey, großer Detektiv, meinst Du, Du könntest eine alte Tante von uns finden?“ Ich fand sie. Sogar in Israel. Ich fuhr also zu ihr hin und sah gleich die KZ-Nummer auf dem Arm. Sie wusste damals nichts über mich. Aber ich wusste, dass die CBS-Sache ausgerechnet an diesem Abend im Fernsehen laufen würde und ich hatte Angst, dass sie sie sehen und betroffen sein könnte. Ich saß also in der Küche und merkte schon, dass der Fernseher lief und war total nervös. Aber als die Sendung vorbei war, kam sie zu mir rüber und küsste mich auf die Wange und alles war gut.“

Veröffentlicht 1998 im ZEITmagazin

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