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Schorsch Kamerun - Ein Punk sucht die innere Sicherheit

Selbst und Selbstvergessenheit - Eine Meditation mit Goldene Zitronen-Sänger und Theater-Regisseur Schorsch Kamerun über den Einklang mit sich selbst.

  Eines der größten Probleme, mit dem sich Menschen in der westlichen Welt herumzuschlagen haben, ist jene ständige Getriebenheit, die sich durch den ganzen Alltag zieht. Dahinter steckt die oft nur unbewusste Haltung, zuerst noch dieses und jenes erledigen zu müssen – und erst dann komplett, zufrieden und eben nicht mehr getrieben zu sein. Ein großer Trugschluss. Denn je mehr man sich auf dieses Spiel einlässt, desto weniger hört es auf.
  Über solche Dinge kann man sich mit Künstlern gut unterhalten. Sie sind fast alle Getriebene. Oft aufgrund von Verletzungen, die in der Kindheit passiert sind. Manchmal eher aus Neugier. Aus einer Art Forscherdrang: Wie funktioniert die Welt eigentlich? Was ist die Wahrheit der Dinge? Und wann bin ich mit ihnen im Einklang? Wo kommen diese Zustände her, in denen plötzlich Bücher wie der „Fänger im Roggen“ entstehen können, oder Musik wie die von Mozart?
  Schorsch Kamerun benutzt schon in seinem ersten Satz zum Thema ein Wort, das zeigt, wie sehr er sich mit diesen Dingen beschäftigt. Er spricht vom „Selbst“. Also von etwas, was durchaus nicht so starr und homogen ist wie oft vermutet, sondern aufgrund von Ursachen und Bedingungen zustande gekommen. Und er stimmt auch sofort zu, dass unser gängiges Verständnis von Selbst eigentlich das ist, was hinter dieser ständigen Getriebenheit steckt – und was dadurch ein zufriedenes Lebensgefühl zumindest erschwert. Dass es also zwar so etwas gibt wie ein ursprüngliches, tatsächliches Selbst (wie immer das letztlich aussehen mag) - aber im täglichen Leben wird es meist von einem erlernten, bedingten Selbst überlagert.
  Gerade als Kind ist es noch leicht möglich, sich als Teil von allem zu fühlen. Mit den Dingen verschmolzen zu sein. Es gibt noch keine fest gezogenen Grenzen. Später nehmen diese Zustände immer mehr ab. Nur noch die Künstler besingen sie. So wie vor 1200 Jahren der chinesische Dichter Li Po: „Wir sitzen zusammen, der Berg und ich, bis nur noch der Berg übrig ist.“
  Solche Zustände des Verschmelzens sind zutiefst beglückend. Alles sprüht und leuchtet. Aber leider haben sie in der heutigen Lebensweise, die sich ja erst seit ein, zwei Jahrhunderten so rasend entwickelt, kaum noch Platz. Schorsch Kamerun erzählt von seiner Oma, die noch ihr ganzes Leben am selben Platz verbracht hat. In Timmendorfer Strand bei Lübeck. In einem gewachsenen sozialen Zusammenhang, der natürlich für ein Grundgefühl von Sicherheit sorgen konnte.
  Heutzutage gibt es so etwas fast nur noch in eher archaischen Gesellschaften. Die afrikanische Autorin Sobonfu Somé erzählt zum Beispiel, dass sie als Kind zwar so halbwegs wusste, dass sie eine leibliche Mutter hatte, aber dass sie im täglichen Leben ganz einfach in jede Hütte des Dorfes marschieren konnte: sie war überall aufgehoben. überall waren Tanten und Onkel.
  Im Gegensatz dazu wird heute fast jeder gefordert, sich sehr früh aus dem gewachsenen sozialen Zusammenhang heraus zu bewegen. Eines der Schlagwörter der letzten Jahre ist ja Flexibilität - „der flexible Mensch.“ Man hat das Gefühl, sich den eigenen sozialen Zusammenhang immer wieder neu erschaffen oder irgendwie verdienen zu müssen. „Die Soziologie nennt das Subjektivierung“, sagt Schorsch Kamerun. „Wir werden heute ständig angehalten uns zu präsentieren. Vor allem die jungen Leute sitzen heute da und man sagt ihnen: ‚Na, dann mach mal los. Du kannst hier ein Praktikum machen. Du kannst hier auf Probe arbeiten.’ Sie können sich die ganze Welt angucken. Es gibt hundert Prozent mehr Möglichkeiten - aber tatsächlich überhaupt keine Sicherheit. Nichts!“ Er vergleicht das mit einem Marienkäfer, dem plötzlich der Chitin- Panzer fehlt. Und das wird heute immer mehr zum Grundgefühl, sogar schon ganz junger Leute, die noch kaum ins Berufsleben hinein geschnuppert haben. Auch unter ihnen gibt es immer mehr Angststörungen und so weiter. Bis hin zum völligen Burnout.
  Schorsch Kamerun nennt als Beispiel ein Stück von Silbermond, das schon seit Monaten im Radio rauf und runter läuft, und in dem es heißt: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit, gib mir in dieser schnellen Zeit, irgendwas was bleibt.“ Darüber kann man sich natürlich lustig machen. Damals als Punker hätte Schorsch Kamerun nie im Ernst gesagt: „Gib mir ...“, und sich dabei auf andere Leute verlassen. Er hätte es sich einfach genommen. Aber inzwischen sieht er das Ganze als echtes Bedürfnis, das natürlich verstanden werden muss.
  Letztlich geht es ja auch ihm nicht viel anders. Sein Leben ist genauso schnell. Er ist genauso ständig damit beschäftigt, sich über Dinge zu definieren, die mit dem was er sein „wahres Selbst“ nennt, sein „Zentrum“, eigentlich gar nicht so viel zu tun haben - die sich aber trotzdem schon so eingespurt haben, dass er es oft gar nicht mehr merkt.
  Das ist auch die Parallele zu dem Stück, das er gerade an der Münchner Staatsoper inszeniert hat: „Trouble in Tahiti“ von Leonard Bernstein. Die beiden Eheleute, um die es darin geht, haben eigentlich alles. Eigentlich müssten sie glücklich sein. Aber sie sind es nicht. Sie haben sich völlig in materiellen Zwängen, Selbstbildern und Rollen gefangen.
  Und dann beginnen eben besagte Störungen, oder es kommen neue hinzu. Viel davon hat damit zu tun, dass man von diesen Hüllen, über die man ständig definiert wird und sich auch selber definiert, immer weniger loslassen kann. Man sieht sich immer mehr als „das kleine Selbst“, wie die Buddhisten sagen. In einem Sutra-Kommentar heißt es sinngemäß: „Eines der größten Probleme des Menschen ist es, dass er sich komplett als gewöhnliches Wesen akzeptiert.“
  Unangenehmste Eigenschaft des „kleinen Selbst“ ist es, dass es ständig etwas zu brauchen scheint. Es fühlt sich ständig bedroht und versucht seinen Chitin-Panzer-Ersatz auch dort zu errichten, wo er eigentlich gar nicht nötig sein sollte. Zum Beispiel in Beziehungen. Aber auch bei der eigenen Wahrnehmung, die immer mehr nur selektiv funktioniert. Alles was mit Lebendigkeit zu tun hat, kommt dabei natürlich zu kurz. Es entsteht ein Defizit. Eine Proust’sche Sehnsucht nach etwas, von dem man im täglichen Leben oft gar nicht so recht weiß was es ist. Man bemerkt nur die Sehnsucht an sich. Man ist unglücklich. Oder zumindest nicht so glücklich, wie man von den äußeren Bedingungen her eigentlich angeblich sein sollte.
In Wirklichkeit steht die ganze Ausrichtung unserer Gesellschaft den eigenen Bedürfnissen völlig entgegen. Es wird so getan, als ob alles irgendwie verpackbar, konsumierbar wäre. Werbung funktioniert ja nur deshalb, weil sie so tut, als würde sie gar keine Dinge verkaufen, sondern Zufriedenheit - und eben den sozialen Zusammenhang den jeder braucht.
„Das ist natürlich eine der ganz fiesen Seiten des Kapitalismus“, sagt Schorsch Kamerun, „dass er uns die ganze Zeit zur Ablenkung von uns selbst zwingt, indem er uns sagt, dass wir gar nicht existieren können, wenn wir nicht dabei sind. Wenn wir dieses Gemetzel nicht mitmachen.“
Ein authentisches Selbstgefühl scheint oft nur mit Hilfe von Dingen möglich zu sein, die man sich von aussen holt. Schorsch Kamerun hat da für sich schon ziemlich viel durch. „Bei mir gibt es zum Beispiel die Zwei- Bier-Regel. Ab zwei Bier bin ich einfach ruhiger. Was letztlich natürlich auch wieder Selbstbetrug ist. Viel besser wären natürlich Dinge wie Meditation. Aber Alkohol funktioniert zumindest momentan. Wie ein Medikament. Oder wie ein Anti-Depressiva.“
  Ein anderes Ding bei ihm war Kampfsport. Zuerst Karate, dann Thai-Boxen. „Das musste immer heftig sein. Aber es ging auch schon sehr viel um diese nicht-stofflichen, energetischen Chi-Geschichten. Bei Karate haben wir sehr viel Atemübungen gemacht.“
  Zustände veränderter Wahrnehmung können aber auch von selbst entstehen. Bei Erlebnissen in der Natur. In künstlerischer Arbeit. Beim Sex. Oder einfach nur in Momenten, in denen eigentlich gar nichts besonderes passiert. In denen einfach nur alles in Ordnung ist.
  Wenn man diesen Zuständen nachspürt, wird man sehr schnell merken, dass sie alle etwas gemeinsam haben – nämlich eine viel größere Langsamkeit, und dadurch Genauigkeit der Wahrnehmung, als man sie sonst hinkriegt. Jeder dieser Zustände läuft immer wieder darauf hinaus, dass dieses kleine, eingespurte Selbst plötzlich nicht mehr da ist - und stattdessen die Erfahrung des Zusammenhangs mit den Dingen und mit anderen Menschen.
Es geht einfach nur um Offenheit. Um Loslassen. „Einfach die Dinge mal laufen lassen“, wie Schorsch Kamerun sagt. Und sehen was sich ergibt. Analysieren oder werten kann man dann immer noch. Aber höchstwahrscheinlich ergeben sich aus dem Loslassen eher ungeahnte Freiräume.
  Er nennt als Beispiel das Hafenfest zu Hause in Timmendorfer Strand: „Früher habe ich das gehasst. Aber inzwischen ist das für mich der schönste Termin im Jahr. Ich stehe da total beglückt mit Feuerwehrleuten an Buden rum. Und wir trinken.“

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