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Coco Schumann - Tödlich amüsiert

Coco Schumann ist eine Ikone des Nachkriegs-Jazz. Jetzt spricht er erstmals darüber, dass er vorher im Konzentrationslager war – und die Menschen auf dem Weg in die Gaskammern begleiten musste.

  Auf den ersten Blick sieht die Reihenhaussiedlung im Berliner Südwesten ganz modern aus. Gerade Linien überall — und drei Etagen, um den knappen Berliner Wohnraum auszunutzen. Wenn man näher kommt, sieht man an den Holz-Fensterrahmen aber überall die Farbe abblättern. Und auch aus dem Haus von Coco Schumann knarzt es verdächtig. Anscheinend die Treppe von oben.
  Die Haustür hat eine kleine Luke mit Vorhang. Dahinter taucht zuerst eine Glatze auf, dann eine Stirn, dann zwei Augen. Da muss sich jemand gewaltig strecken, um überhaupt rausschauen zu können. In Coco Schumann’s neuem Buch steht: „Wenn ich nicht zwei Meter groß wäre, blond und germanisch, hätte ich das alles nicht durchgestanden.“ Ein Witz. Der Mann, der jetzt die Tür öffnet, hat vielleicht blaue Augen. Aber ansonsten ist er eher in die Breite als in die Höhe gewachsen.
  Er entschuldigt sich erstmal für das Durcheinander im Haus. Dann humpelt er voran. Eigentlich hätte er schon vor Wochen ein neues Hüftgelenk gebraucht. Aber seitdem das Buch und auch seine neue CD erschienen sind, kommt er zu nichts mehr. Jeden Tag hat er Reporter aus halb Europa zu Besuch.
  „Unglaublich, was ich da losgetreten habe“, sagt er leise und streicht sich mit der flachen Hand über die Narbe am Kopf. Bis jetzt war er nur Jazzgitarrist. In den 50er und 60er hat er diesen typischen deutschen „Easy Listening“-Jazz mitgeprägt. Natürlich hat man das damals nicht so genannt. Aber seine Sachen waren vor allem immer eines: freundlich. Was für ein Unterschied zu dem grausamen Gefühl, mit dem er die ganze Zeit herumgelaufen sein muss. Er kann erst jetzt — nach 50 Jahren — darüber sprechen.
  Selbst das hat allerdings seine Grenzen. Manche Reporter in den letzten Tagen hatten geglaubt, dass dieses Gefühl ganz und gar in Worte verpackbar sein müsste. Wie ein Paket, dass dadurch leichter zu handhaben ist — dann aber auch wieder abgelegt werden kann. So funktioniert das nicht. Coco ist lieber erst mal vorsichtig. Lieber erst mal über die Einbauküche reden. Damit befindet man sich immerhin schon in der richtigen Epoche. Die rotbraunen Fronten mit den runden, eingelassenen Griffen sehen ebenfalls alles andere als altmodisch aus. Aber die Küche stammt noch aus den zwanziger Jahren, vom Bauhaus-Architekten Bruno Taut, genau wie der ganze Rest drumherum. Das ganze Viertel.
  Oben fängt jemand zu flüstern an. Dorothea, die polnische Putzfrau. Eigentlich flüstert sie auch gar nicht, sie ist nur heiser wie ein Esel. Coco schmunzelt: „Ich glaube, wir können jetzt rauf.“
  Dorothea steht oben auf dem Treppenabsatz, kriegt unauffällig einen Geldschein in die Hand gedrückt und beschwert sich zum Abschied halb im Ernst über die Gitarrenkoffer, über die sie überall stolpert.
  Coco seufzt. Er hat mit seiner Band erst vor ein paar Tagen gespielt und bald spielt er wieder. Er kann die Gitarren nicht jedes mal in den Keller schleppen. Also hat er alles auf Büro und Wohnzimmer aufgeteilt. Zusammen mit allen möglichen anderen Geräten. Putzfrauenalpträume. Gitarrenverstärker, einige Telefone, Faxgerät, drei Videorecorder, eine klobige Studio-Tonbandmaschine und alle möglichen Stereoanlagenteile.
  Was all das betrifft, ist der erste deutsche Besitzer einer elektrischen Gitarre ganz in seinem Element. Das andere macht ihn unsicher. Er weiß nicht wie er anfangen soll. Das liegt daran, dass seine Geschichte schon mit einem Knacks beginnt. Im Sommer 1933 brachte sein Lehrer eine Holzplatte mit vorgestanzten Löchern in die Schule. „HJ“ konnte man undeutlich entziffern. Alle Kinder durften einen Nagel einschlagen und waren damit Teil der Hitlerjugend. Nur Coco durfte nicht. Er wußte nicht warum.
  Zu Hause erfuhr er von seinem Vater, dass er das war, was in Berlin Mampe genannt wurde. Halb und Halb. Halbjude. Mit seinen neun Jahren konnte er damit nichts anfangen. Judentum war für ihn, dass seine Mutter die leckersten Matzeklöße der Welt kochte.
  „Die schmecken ja normalerweise wie Pappe“, sagt er. „Und sehen auch so aus. Das ist ja nur Mehl, Wasser und Gänseschmalz. Aber meine Mutter gab noch Zimt, Zucker und gehackte Mandeln dazu. Das kam dann mit hartgekochten Eiern in Hühnerbrühe. Oder man tunkt sie in Milchkaffee. Phantastisch!“
  Coco musste schon allein deswegen viele Matzeklöße essen, weil ihn seine Klassenkameraden auf einmal nicht mehr leiden konnten. Er musste sich die nächsten Jahre ständig prügeln, wenn er mit seinem Stern auf die Straße ging. Mit der Zeit wurde es so schlimm, dass er zuerst hinlangte und dann fragte. Bis er einmal vor einer Eisdiele von ein paar irgendwie amerikanisch angezogenen Halbstarken angestänkert wurde. Es gab zuerst eine Rauferei, aber im nächsten Moment saß er mit ihnen um einen tragbaren Telefunken-Plattenspieler herum und hörte Duke Ellington, Artie Shaw, Ella Fitzgerald. Eine neue Welt tat sich für ihn auf.
  Von nun an schlich er nachts mit den anderen Swing-Kids immer zum glitzernden Delphi Palast mit seiner Tanzfläche mit Schiebedach, den hydraulischen Bühnen und den Telefonen auf den Tischen.
  Und durch Zufall konnte er sich auch selbst bald als Musiker fühlen. Zuerst musste sein Cousin zur Wehrmacht und gab ihm seine alte Wandergitarre. Und im Spätherbst 1938, gleich nach der Reichskristallnacht, floh sein geliebter Smokingonkel Arthur nach Bolivien - ohne sein tolles Schlagzeug mit den roten Lämpchen in der Basstrommel.
  Coco übte wie verrückt und durfte bald bei einer Zigeuner-Swingband an der Gitarre aushelfen. Der Mann am Akkordeon musste ihm zwar immer die Akkorde zuflüstern, aber dafür hatte Coco unglaublich viel Swing. Er hatte nicht nur die ganzen afro-amerikanischen Swing-Gitarristen im Ohr, sondern auch die jüdischen Klezmer-Musiker seiner Mutter. Klezmer schien irgendwie von selbst zu swingen. Jazz ist für Coco überhaupt eine Mischung aus afrikanischer und jüdisch-europäischer Musik. Nicht umsonst wurde von den Nazis alles in dieser Richtung in Bausch und Bogen als „Niggermusik“ verboten.
  „Das hat die Leute aber genauso wenig gestört wie uns Musiker“, lacht er. „Die von der Reichsmusikkammer konnte man auf tausend Meter erkennen. Die kamen alle mit Ledermantel und Schlapphut. Wir hatten meistens zwei Studenten zum aufpassen. Zuerst pfiff der oben am Eingang, der unten gab das weiter und wir wechselten übergangslos von „Flat foot floogey with the floy floy“ zu „Rosamunde“ oder sowas.“
  Für viele deutsche Musiker waren solche Abende ein ganz amüsantes Räuber- und Gendarm-Spiel. Für Coco ging es um Kopf und Kragen. Nicht nur, dass jüdische Künstler seit 1933 nicht mehr auftreten durften, so langsam gingen auch die Transporte in den Osten los. Zum Arbeitseinsatz, hieß es.
  Man hörte von dort auch sonst so manches. Aber selbst Coco konnte das meiste nicht glauben. Er hatte genug damit zu tun, in dem ganzen Durcheinander zu überleben. Die ersten Bomben fielen auf Berlin. Als Jude konnte er jeden Moment tot sein, weil er in keinen Luftschutzkeller durfte. Er lebte nur noch in den Tag hinein und nur in seiner kleinen Swing-Welt, in der jede Kleinigkeit stimmten musste. Die Haare mit Pomade bis in den Kragen zurückgekämmt, der Gangsterhut und das zweireihige Sakko.   Der gelbe Stern musste normalerweise angenäht sein. Aber Coco konnte ihn in die Tasche stecken, weil seine Mutter Druckknöpfe drangemacht hatte. Und falls er wirklich einmal in eine Kontrolle kam, verließ er sich auf seine blauen Augen und seine Berliner Schnauze. Das ging die meiste Zeit über gut. Aber von einem Moment auf den anderen stand er dann doch in einer Schlange zur Registrierung für den nächsten Transport nach Auschwitz.
  Sein Vater lief zum Reichssicherheitshauptamt, wies sich als Arier und Frontkämpfer aus dem Ersten Weltkrieg aus und konnte so wenigstens erreichen, dass Coco nicht nach Auschwitz kam, sondern nur nach Theresienstadt. Nicht in ein Vernichtungslager also, sondern in ein Lager für solche Leute, die sogar die Nazis anfangs noch nicht so einfach ver schwinden lassen konnten.
  „Theresienstadt war ja auch richtig“, beteuert Coco. „Wenn meine Eltern mich nicht bei der Geburt jüdisch werden lassen, sondern evangelisch, dann bin ich sogar Mischling ersten Grades, muss keinen Stern tragen und komme höchstens zum Autobahnbau.“
  Da saß er nun also, zwischen lauter Künstlern, Unternehmern oder eben Mischlingen, die irgendwie das Pech hatten, die falschen Eltern zu haben, oder die falsche Religion, wie man’s nimmt. Die meisten hatten sich ihren Platz in Theresienstadt mit viel Geld erkaufen müssen.
  Auf den ersten Blick war Theresienstadt eine ganz normale Stadt. Sogar mehr als das. Coco konnte es kaum glauben, aber schon am ersten Tag durfte er genau die Musik spielen, die sonst überall im Reich verboten war. Die Band konnte sich sogar mit typisch jüdisch-schwarzem Humor einen Namen wie „The Ghetto Swingers“ geben. Aber das war alles nur Theater. Ein riesiges Theater. Das nur dazu diente, der angekündigten Delegation vom Roten Kreuz buchstäblich etwas vorzuspielen.
  „Diese Delegation lief dann einmal die Hauptstraße runter“, erinnert sich Coco, „zusammen mit dem Kommandanten. Wir durften für die spielen, aber ansonsten durften wir mit denen keinen Kontakt haben. Ich bin mir sicher, dass die trotzdem gemerkt haben was los ist. So doof kann niemand sein. Aber sie wollten es nicht merken.“
  Nachdem das Lager gerade so schön herausgeputzt war, drehten die Nazis gleich auch noch einen Propagandafilm. Mit allem Drum und Dran. Wie gut es den Juden geht! Coco und die anderen Musiker bekamen Rollen als Schauspieler. Als Gage wurde ihnen die Freiheit versprochen. Aber nach den Dreharbeiten wurden sie, genau wie alle anderen, in die Viehwaggons nach Auschwitz getrieben.
  Coco kramt in seiner unteren Schreibtischschublade und findet eine Kopie seines Frachtbriefs. Auch in der Apokalypse musste alles seine deutsche Ordnung haben. Auf der Rampe in Auschwitz-Birkenau mussten sich alle erst einmal nackt in Reih und Glied aufstellen und wurden von Dr. Mengele persönlich sortiert. Am Schluss standen auf der einen Seite die eher jünger und gesünder aussehenden Leute. Trotzdem kam niemand auf die Idee, dass die anderen schon so gut wie tot waren. Coco erinnert sich, wie der Saxophonist der „Ghetto Swingers“ drüben seine Eltern entdeckte. Er wühlte sich noch einmal vor bis zu Mengele und fragte: „Darf ich rüber zu meinen Eltern?“
  Mengele musste lachen. „Aber sicher dürfen sie.“
  Was Auschwitz wirklich war, wurde Coco erst klar, als er hinüber zu den Baracken kam. Im Elektrozaun hingen die verkohlten Leichen von Menschen, die das Ganze nicht mehr ausgehalten hatten und „in den Zaun gegangen“ waren. Alles war mit fettiger Asche bedeckt. Der Lagerkommandant hielt eine Ansprache: „So ihr Saujuden. Ihr seid im Vernichtungslager Auschwitz. Den Eingang kennt ihr. Der Ausgang ist dort.“ Er zeigte auf die lange Reihe von Schornsteinen aus denen Flammen herauskamen.
  „Und wir hatten immer noch gedacht, das sind Fabrikschornsteine“, sagt Coco. „Aber wer kann sich denn auch ausmalen, dass man Menschen in Fabrikhallen bringt und wie Ratten vernichtet, indem man Giftgas reinschmeißt?“
  Coco kam in einen völlig leeren Teil des Lagers. Die dreißigtausend Sinti und Roma die hier vorher untergebracht waren, hatte man in den letzten paar Tagen schnell noch vergast, um Platz für den Transport aus Theresienstadt zu schaffen. Für den Lagerältesten war das nur aus dem einen Grund bedauerlich, weil er jetzt keine Kapelle mehr für seine regelmäßigen Besäufnisse hatte. Die übrig gebliebenen „Ghetto Swingers“ wurden gleich in eine Kammer mit verlassenen Instrumenten geführt und durften sich etwas aussuchen. Coco nahm eine echte „Selmer“ aus Paris. Er hatte noch nie so eine gute Gitarre besessen.
  In den nächsten Monaten spielte er jeden Tag, entweder bei der Tätowierung der Neuen oder draußen am Tor. An ihm vorbei marschierten die Ausgesonderten auf dem Weg zu den Gaskammern. Vor allem die Kinder schauten ihm oft direkt in die Augen. Sie wussten genau wohin sie gingen. Coco konnte nichts anderes tun als ihre Blicke zu erwidern. Das hat ihm für immer das Herz gebrochen, aber er spürte auch oft diese seltsame, nagende, angebliche Erleichterung, dass er selbst nicht mitgehen musste - dass er nicht einmal arbeiten musste, sondern Musik machen durfte und deshalb für den Geschmack von Dr. Mengele immer ein bisschen zu viel Fett auf den Rippen hatte.
  Coco wundert sich immer noch, dass er mit seiner Musik sogar einen Rottenführer von der politischen Abteilung der SS erweichen konnte, der eigentlich noch gefürchteter als Mengele war. Er versucht sich an den Namen zu erinnern, aber er weiß nur noch, dass alle Leute immer einen großen Bogen um diesen Mann machten. Bloß nicht auffallen. Wer ihn kennen lernte, der war geliefert, der wurde mit grausamsten Methoden umgebracht.
  „Das was sein einziges Vergnügen“, sagt Coco. „Sonst hatte der nix. Wir machen also für den einen kleinen Privatauftritt, abends in ner Baracke. Danach setzt er sich neben mich und fängt an, ganz normal über Musik zu reden. Zuerst wurde mir schlecht vor Angst. Aber dann sehe ich auf einmal, das ist ein Mensch. Das war das Schlimmste.“
  Weil sie so gut gespielt hatten, führte der SS-Mann sie in eine Scheune mit Bergen von Brillen, Menschenhaaren und allen möglichen Anziehsachen. Alle durften sich ein paar Stiefel nehmen. Was ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet hat, weil beim Appell alle oft stundenlang in Schlamm und Schnee stehen mussten und viele schon allein an Grippe oder Lungenentzündung starben.
  Drüben im Wohnzimmer klingelt das Telefon. Nach einer Weile kommt Coco ganz aufgekratzt zurück. Der Anruf war von Botho Lukas, dem Mann am Akkordeon, der ihm immer die Akkorde zugeflüstert hatte. Botho Lukas ist in den sechziger und siebziger Jahren vor allem mit seinem Chor bekannt geworden. Aber Coco hat ihn irgendwie nie mehr getroffen.
  Er lässt sich wieder in den Bürostuhl fallen und erzählt, dass in den letzten Tagen ständig Leute aus der Vergangenheit anrufen. Erst gestern hat ihn jemand daran erinnert, dass er gleich nach dem Krieg in seiner zerrissenen Häftlingskleidung ins „Delphi“ kam. Coco selbst hatte nur noch gewusst, dass ihn seine ganzen Freunde für einen Geist gehalten hatten. Dann hatte er erzählen sollten. Aber sein eigener Verdrängungsmechanismus hatte ihn schon im Griff. Er sagte nur „Theresienstadt, Auschwitz“, wie ein Roboter, aber er sagte nie, was er dort mitgemacht hatte. Er dachte sich, dass seine Freunde schließlich nichts dafür konnten und wollte sie nicht beschämen. Inzwischen weiß er, dass er sich vor seinen eigenen Erinnerungen schützen wollte. Obwohl das von Anfang an nicht funktionierte. Ganz abgesehen davon, dass ihm sein Verdrängungsmechanismus schon deswegen nicht geheuer war, weil auch alle anderen Leute um ihn herum alles verdrängten.
  „Naiv wie ich war“, sagt er, „habe ich gedacht, dass die Mörder schon ihre Strafe kriegen. Aber das war ein Trugschluss. Die hatten sofort wieder was zu sagen.“
  1950 waren seine Zweifel an seinem Land so groß, dass er nach Australien ging. Zu Hause hielten ihn alle für verrückt. Er hatte seine eigene Combo gehabt, seine ersten Platten aufgenommen und überall gespielt, vom Nobelschuppen am Timmendorfer Strand bis zum plüschigen Berliner Nachtclub mit fünfhundert Drehsesseln. Meist war er bis Sonnenaufgang unterwegs gewesen. In Australien lagen sogar die Musiker um Mitternacht im Bett. Und nachdem dann auch kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden durfte, saß Coco meistens mit Taxifahrern in irgendeiner Bar vor ein paar Milkshakes herum.
  Nach vier Jahren hatte er endgültig das große Heimweh. Es war ihm egal, dass in Deutschland inzwischen das Wirtschaftswunder ausgebrochen war und die Leute sich nur noch amüsieren wollten. Er spielte mit Heinz Erhardt und Roberto Blanco. Und er war natürlich stolz, wenn der hawaiianische Easy Listening-Star Martin Denny ein Stück von ihm spielte, oder wenn ausgerechnet das brasilianische Radio brasilianische Musik von ihm kaufte.
  Coco spielte die Stimmungskanone. Noch heute kann er sich über die Egotrips der Super-Rockgruppen der siebziger Jahre aufregen. Er selbst beobachtete sein Publikum immer ganz genau. Wenn er merkte, dass niemand etwas mit seiner Musik anfangen konnte, dann spielte er halt etwas anderes. Erst wenn er unten im Saal nur noch glückliche Gesichter sah, wußte er, dass er es geschafft hatte. Unterhaltungsmusik war für ihn immer eine Dienstleistung, bei der er sich bemühen musste, dass es irgendwann auch zum Austausch von zarteren Gefühlen kam. Er erzählt, dass die meisten Prostituierten das ungefähr genauso sehen. Deshalb gehören sie für ihn auch zu den angenehmsten Menschen, die er in seinem Leben getroffen hat.
  Coco erinnert sich noch an eine Unterhaltung mit dem Politoffizier auf einem russischen Kreuzfahrtschiff. Nachdem er für die westlichen Neckermann-Touristen schon seit Wochen den Ententanz spielen musste, war sogar er fix und fertig.
  „Kapitalismus ist übel“, beschwerte er sich frühmorgens in der Cocktaillounge. „Ganz, ganz übel.“
  „Da hast du recht Coco, bravo!“ Der Politoffzier gab ihm einen doppelten Wodka aus.
  „Aber eine Million in der Tasche ist auch nicht schlecht.“
  Der Russe konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Nochmal das Gleiche für Coco.“
  Ein paar Tage später bekam er ein Angebot von einem Multimil- lionärsclub in Miami und hätte dort wahrscheinlich sogar seine Million verdienen können. Aber er landete immer wieder in Berlin. Meistens wußte er selbst nicht warum. Es sah einfach immer wie die richtige Entscheidung aus. Inzwischen ist er sich nicht mehr so sicher. Auf jeden Fall würde er nicht mehr freiwillig zurückgehen, wenn er noch einmal die Wahl hätte.   Coco klopft sich einmal kurz auf die Schenkel und steht auf. Er humpelt über den gebohnerten Bretterboden, klappt die Holzreling vor der Treppe auf und hangelt sich die knarzenden Stufen wieder nach unten. Er braucht noch eine Packung „Aspirin Protect“, bevor die Apotheken schließen. Und danach muss er endlich seine Gitarren aufräumen. Er weiß nicht, wie das alles weitergehen soll. Er schafft das mit dem Haus nicht mehr. Und jetzt auch noch das mit der Hüfte. Sein Arzt hätte ihn eigentlich noch für eine Lesungsreise fit spritzen sollen, aber das ist mit 73 nicht so einfach. Nun muss er nächste Woche ins Krankenhaus. Er versucht beiläufig zu klingen, aber vielleicht bleibt ihm bald nur noch das Altenheim übrig. Keine Ahnung, was dann aus seinen Gitarren wird.

Veröffentlicht 1998 in: Tages-Anzeiger, Zürich und Frankfurter Rundschau

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