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Carolyn Cassady - Off the Road

Jack Kerouacs «On The Road» ist seit den Fünfzigern von Generationen verschlungen worden. Neal Cassady kommt darin als ein Mann rüber, der immer nur Vollgas gibt. Carolyn Cassady – Neal’s Frau und Muse von beiden - erzählt die Geschichte nun ganz anders.

  Wenn man von den vielen BMWs und Volvos vor den Häusern absieht, wirkt Hampstead immer noch wie auf den Fotos in dem Fish&Chips-Imbiss gleich bei ihr um die Ecke. Eine verschnörkelte viktorianische Villa nach der anderen. Und Vorgärten mit keinem einzigen Blatt auf dem Rasen.
  Carolyn’s Haus fällt in jeder Hinsicht aus der Reihe. Ein geradliniger, weiß gestrichener Appartementblock, mit Glasbausteinen am Eingang. Hier ist schon ewig nichts mehr renoviert.
  Dabei könnte sie eigentlich die Großmutter – oder vielleicht eher die Großmuse - aller modernen Literatur spielen. Sie war die Traumfrau von Jack Kerouac und 15 Jahre lang mit Neal Cassady verheiratet, dem strahlenden Helden der Beat Generation, der sich in Allen Ginsbergs Howl und Jack Kerouacs On The Road ständig mit Drogen vollpumpt und mit geklauten Straßenkreuzern in Sonnenuntergänge rast.
  Einige dieser Geschichten haben Jack und Neal in der Tat erlebt. Aber vor allem On the Road wird seit Jahrzehnten als eine Art Biografie gelesen. Jack und Neal werden als erste Propheten der Selbstverwirklichung, des Aussteigertums, der Unangepasstheit verstanden. Dabei ist das Ganze ein Roman. Teilweise völlig erfunden. Hinter dem ganzen heldenhaften Herumgefahre lagen in Wirklichkeit ganz normale Unfähigkeiten.   Carolyn wehrte sich vierzig Jahre lang gegen diese Verdrehung ihrer eigenen Vergangenheit. Was für eine Hausfrau und Mutter dreier Kinder natürlich nicht so einfach ist. Ausserdem wollte sie Jack und Neal ja nicht von irgendwelchen Podesten stoßen. Die beiden waren die Männer ihres Lebens.
  Erst Ende der 70er, zehn Jahre nach dem Tod der beiden, konnte sie daran gehen, ihre eigene Sicht der Dinge zu erzählen. Zuerst nur kurz, in einer Art Momentaufnahme mit dem Titel Heart Beat. Dann ausufernd in Off The Road, dessen erste Manuskriptfassung 1143 Seiten hatte. Als Off The Road 1990 erschien – auf knapp 500 Seiten heruntergebrochen – sorgte es in den USA und in England für enormen Wirbel. Carolyn wurde zu Talkshows im Fernsehen eingeladen, sie hielt Vorträge an Universitäten und in der Royal Festival Hall, wurde in Beatnik-Fachorganen interviewt und von Francis Ford Coppola gefragt, was sie von seinem neuen Drehbuch über Jack halte. überall wurde Off The Road erstmal als Abrechnung verstanden. Dabei war das das Letzte was Carolyn wollte.
  Sie steht im ersten Stock vor der Tür und hat ein skeptisches „was wird das wieder für ein Journalist sein“-Gesicht aufgesetzt. Es ist noch gut zu sehen, warum Jack Kerouac sie in Big Sur als umwerfende Blondine bezeichnet hat. Sie wirkt überhaupt nicht wie 72. Eher wie ein junges Mädchen, das gerade zum Autoscooter wollte.
  Sie trägt lila Lidschatten und dazu viel rosa Rouge und Lippenstift. Das sieht zuerst grell aus, passt aber zu ihrem lila-rosa-weiß karierten Hemd, den neuen Jeans und den lila Stoffschuhen. Als sie sich umdreht, um durch den dunklen Flur voraus zu gehen, sieht man, dass ihr strohblonder Pferdeschwanz hochgesteckt ist. Wie in einem James Dean-Film. Die Wohnung ist klein und eng, aber gemütlich eingerichtet. Auf der einen Seite des Wohnzimmers steht die Küchenzeile. Ein riesengroßes, großgeblümtes Sofa teilt den Raum ab, sodass man im Sitzen nur auf Bücherregale blickt, die weißgestrichene Fensterfront und gleich dahinter zwei Bäume. Ein großer und ein kleiner. Irgend eine seltsame Art von Ahorn.
  „Sycamore“, sagt Carolyn. Das ist das einzige Zeichen von Natur in der Nähe. Kein Vergleich zu den grünen Bergen bei Los Gatos, in der Nähe von San Francisco.
  Manchmal weiß sie selbst nicht, warum sie noch vor ein paar Jahren umgezogen ist. Ihr war nur irgendwann aufgefallen, dass sie mit ihren Gedanken sowieso ständig in Europa war. In London kann sie nun jeden Tag in eine andere Ausstellung gehen. Und sie kann für einigermaßen vernünftige Zeitungen schreiben. Zum Beispiel für Vogue.
  Neulich war sie deswegen in einer Ausstellung von William Burroughs, dem einzigen Beatnik, der nicht nur die rauschenden 60er überlebt hat, sondern inzwischen auch wieder ein gefragter Mann ist. Carolyn hatte noch nie viel mit ihm zu tun, aber sie hat gehört, dass er mit seinen Bildern inzwischen mehr Geld verdient als mit seinen Büchern.
  Sie lässt sich aufs Sofa fallen und seufzt. „Manches ist ganz attraktiv. Zum Beispiel die Sachen, wo er Farbe durch Holz schießt. Aber der Rest ist einfach Kindergarten. Er weiß halt nur, wie er sich verkaufen muss“ Carolyn ist immer noch ziemlich einsilbig. Sie hat in den letzten Tagen wieder ein paar unangenehme Erfahrungen mit ihrem Bekanntheitsgrad gemacht. Zuerst rief eine Frau aus Santa Monica an. Sie wollte T-Shirts für eine Beatnik-Tagung in Tokio drucken. Mit einem Spruch von Neal vorne drauf.
  „Mit welchem denn?“ hatte Carolyn gefragt.
  „Stehe nackt im Kosmos und höre dein Herz schlagen.“
  „Aber sowas hätte Neal nie gesagt.“
  „Wir zahlen 4000 Dollar.“
  Carolyn hätte fast losgeprustet. „Wenn das so ist“, sagte sie, „dann hat er das sogar die ganze Zeit gesagt.“
  Gestern, die Reporterin, war dann allerdings der Höhepunkt der Frechheit. Sie hatte sich verschwörerisch herübergelehnt und gefragt: „Na, wie groß waren denn die Schwänze von Jack und Neal?“
  Carolyn ist immer noch wütend. Um erst mal ein unverfängliches Thema anzuschneiden, kommt die Sprache auf ihre Sammlung alter Aschenbecher und schließlich ganz zwangsläufig auf das Problem, heutzutage als Raucher über die Runden zu kommen. Sie erzählt von ihrem einzigen Besuch in Deutschland und von einer beeindruckenden Erfindung, die sie in Frankfurt gesehen hat. Kleine Maschinen an Wänden, aus denen man Zigaretten herauslassen kann.
  „Ha“, sagt sie, „das ist es. So muss es sein.“
  So langsam taut sie auf. Sie zwängt sich ums Sofa herum und holt zwei Dosen Bitterbier und eine Packung Zigaretten. Dünne braune Dinger, die ohnehin länger sind als normal, aber Carolyn raucht sie mit Spitze. Der Mann, der neulich im Flugzeug hinter ihr saß, muss sich ein bisschen gewundert haben. „Steward“, rief er, „diese Frau raucht Zigarren.“ Carolyn hat ein nettes Lachen. Kaum hörbar. Sehr melodisch. Da ist wieder das kleine Mädchen. Mit seinen Eltern, damals in Nashville in den Zwanzigern. Bildungsbürger waren sie. Mit neun Jahren hatten sie Carolyn in eine Kunstschule gesteckt. Carolyn wollte nicht.
  Nach dem Studium war sie dann drauf und dran Kostümdesignerin in Hollywood zu werden. Sie stand sogar schon bei einem großen Studio auf der Warteliste. Aber dann traf sie ihren Prinzen. Neal, der in den Obdachlosenheimen von Denver aufgewachsen war, der mit vierzehn sein erstes Auto gestohlen und sich quer durch einige Gefängnisbüchereien gelesen hatte.
  „Wir diskutierten über Gott und die Welt. Niemand konnte uns stoppen. Das war besser als Sex. Und, ehrlich gesagt, war es mir auch lieber.“
  Neal sah das offenbar genauso. Auch sonst war er ihr gar nicht so fremd. Sein fingerschnippendes Leben kam ihr irgendwie bekannt vor.
  „Junge Männer mussten damals vor der Heirat irgend einen Blödsinn anstellen. Mein Vater trieb meine Brüder immer an: ‚Das gehört dazu, wenn man ein richtiger Mann sein will.‘ Einer meiner Brüder lief einmal von Atlanta/Georgia bis hinüber nach Tennessee. Ohne zu schlafen. Nur um die paar Dollar für die Fahrkarte zu sparen. Mein Vater war zu Tode erschrocken - aber stolz.“
  Die Idee hätte auch von Neal sein können. Carolyn trägt auch heute noch den Ehering von Woolworth. Sie drückt ihre Zigarette aus und sagt, dass sie im Schlafzimmer noch massenhaft Fotos hat. Die Tür dorthin steht ein wenig offen. Gedämpfte Orgelmusik quillt schon die ganze Zeit heraus. Als ob das Fenster gekippt und jemand in der Kirche nebenan schwermütig geworden ist. Aber es ist nur die Stereoanlage.
  Auch das Schlafzimmer sieht eher aus wie ein Jugendzimmer. Neben dem Bett steht ein schicker, kleiner Mac-Computer auf einem Tischchen mit Rollen. Dahinter ein Bücherregal. Daneben gemalte Portraits von Kindern und Fotos von allen möglichen berühmten Leuten. Bis auf William Burroughs sind wohl fast alle bekannten Beatniks dabei. Meistens noch sehr jung. In Jeans und T-Shirt. Sie könnten auch Popstars sein. Oder frisch aus der Levis-Werbung.
  Carolyn geht mit einer Plastiktüte voraus, zurück ins Wohnzimmer, setzt sich ans Fenster und fängt an zu stöbern. Immer mehr Fotos. Manche stecken in alten Briefumschlägen, manche gibt es nur noch als Negativ oder Kontaktabzug.
  Sie muss ihre Brille aufsetzen und wirkt damit wie aus einem alten Krimi. Die Frau mit den Katzenaugen.
  Auf einem Kontaktabzug steht Neal vor einem Eisenbahnwagen. Allerdings nicht in Wanderschuhen oder mit Reisetasche, sondern in Uniform. Er hatte sich im Frühling 1948 dazu durchgerungen, eine Stelle als Bremser bei der Eisenbahn anzunehmen. Carolyn war zum ersten Mal schwanger. Die Arbeit gefiel ihm sogar. Er war viel unterwegs. Aber eben nicht mit acht Zylindern unter dem Hintern.
  Einen Tag vor Weihnachten – das Kind war inzwischen geboren - hielt er es nicht mehr aus. Er plünderte das gemeinsame Sparbuch, bezahlte damit die erste Rate für ein Auto und erwähnte ganz beiläufig, morgen an die Ostküste fahren zu wollen.
  Carolyn sieht immer noch entsetzt aus. „Ich nahm ein paar Pillen, lief mit unserer Kleinen auf dem Arm durchs Zimmer und stammelte ihr irgend einen Unsinn vor. Ich dachte, er verlässt uns. Und das auch noch einen Tag vor Weihnachten. Nachdem er weder meinen sozialen Background hatte, noch meine puritanische Konditionierung, verstand er überhaupt nicht das Problem.“
  Sie reagierte, wie jemand mit puritanischer Konditionierung eben reagiert. Eigentlich wollte sie genau das Gegenteil, aber sie machte ihm eine Szene und warf ihn aus dem Haus.
  Danach war Neal erstmal verschwunden. Er fuhr zu seiner siebzehnjährigen, nymphomanischen Ex-Frau nach Denver, half William Burroughs in Louisiana bei der Marihuana-Ernte und Jack Kerouac mit dem Umzug seiner Mutter von North Carolina nach New York. Alles in einem irren Tempo, in einer einzigen Eruption, die inzwischen zur größten Legende der Beat Generation geworden ist.
  Jack war überzeugt, dass Neal sich auf einer spirituellen Pilgerfahrt befand. Neal selbst war sich da nicht so sicher. Er wußte nur selten was er wollte. Oder er wußte es immer nur für kurze Zeit. Nach fünf Wochen war er wieder zu Hause und wollte lieber doch der perfekte Ehemann werden. Ein paar Wochen später raste er wieder über die Highways. Beschleunigt von Carolyn und ihren immergleichen Vorwürfen.
  Diesmal fuhr er über Denver und Detroit nach New York und heiratete dort eine ziemlich neurotische Frau, die manchmal als Fotomodell arbeitete. Er war natürlich schon mit Carolyn verheiratet. Nach der Trauung ließ er die Arme bei Carolyn anrufen, um ihr die Scheidung abzuringen.
  Der blieb erstmal fast das Herz stehen. Sie war gerade wieder schwanger. Das ließ sich damals kaum vermeiden. Ein Diaphragma blieb damals nur selten wo es hingehörte. Meistens flutschte es quer über den Boden im Badezimmer.
  Carolyn verfluchte ihren Frauenarzt, die katholische Kirche und die ganze bürgerliche Gesellschaft mit ihren Regeln. Ihre Rettung war eine Frau, die wusste wie Neal war. Sie hatte ihn schon einmal in voller Fahrt erlebt. Eigentlich hatte sie ihn bis nach New York begleiten wollen, aber es dann gerade noch bis zur Farm von Burroughs ausgehalten.
Carolyn und Helen Hinkle teilten sich erstmal eine handvoll Pillen und schütteten sich gegenseitig ihr Herz aus. Zwei Tage lang. Ohne Unterlass.
  „Am Schlimmsten war Burroughs“, erzählte Helen. „Entweder lief er mit einem Gewehr herum, oder mit einem Stock, aus dem man ein Schwert ziehen konnte. Er dachte wahrscheinlich, er sieht damit aus wie ein Landlord. Aber er war eher Kind im Sandkasten.“
  Die beiden lachten sich halb tot. Ein paar Wochen später kam ein Brief von Allen Ginsberg. Burroughs hatte seiner Frau Joan ein Glas vom Kopf schießen wollen und dabei etwas zu tief gezielt.
  Allein bei dem Gedanken macht Carolyn sich auf dem Sofa ganz klein und vergräbt die Hände zwischen den Knien. „Ich bin mir sicher, dass es ein Unfall war. Allen Ginsberg war kurz vorher mit Joan im Auto unterwegs gewesen. Sie hat ihn mit ihrer Fahrerei zu Tode erschreckt. Er hält es sogar für möglich, dass sie sich absichtlich bewegt hat.“
  Neal war damals gerade wieder zu Hause. Aber er hatte sich in den elf Monaten unterwegs verändert. Er war nicht mehr der strahlende Mister Kein-Problem. Zum Beispiel war er nicht gerade begeistert, als Jack mit Seesack und Reiseschreibmaschine in der Mansarde einzog. Er war so unglaublich – unbeschreiblich - eifersüchtig, dass er anfing, seine Frau mit seinem besten Freund zu verkuppeln.
  Carolyn wedelt mit dem Pferdeschwanz. „Zuerst war ich richtig sauer auf ihn. Aber irgendwann dachte ich mir: Warum eigentlich nicht?“ Sie hatte schon hin und wieder einen schmachtenden Blick von Jack aufgeschnappt. Aber sie wußte auch, dass er nie etwas unternehmen würde. Dazu war er zu schüchtern. Der große Abenteuerschriftsteller.
  Carolyn wartete noch ein oder zwei Tage. Bis Neal weit genug weg war. Dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und verführte Jack mit Pizza, Wein und dem richtigen Radiosender.
  Sie lächelt über ihre Zigarette hinweg. „Jack und Neal waren so unterschiedlich. Aber durch beide zusammen hatte ich auf einmal einen vollwertigen Mann.
  Allerdings war das Ganze überhaupt nicht wie in Heart Beat, dem Film über die drei, in dem Sissy Spacek zu Nick Nolte und John Heard sagt: „Na, wer von euch beiden hat heute Abend Lust?“
  „Ein hübscher Film“, sagt Carolyn. „Aber er hat nichts mit uns zu tun. Wir konnten ja nicht mal untereinander zugeben was wirklich los war.“
  Trotzdem war die Stimmung in den nächsten Monaten eher entspannt. Jack und Neal fingen sogar an, gemeinsam mit Carolyn zu malen. Jack kleckste gerne wild herum. Der wilde Neal malte nur strenge Linien. Ohne jede Freiheit. Das war sein Problem. Er konnte schneller reden als jeder andere. Aber er konnte seine Gedankenketten höchstens in einigen Briefen umsetzen.
  Jack stand manchmal hinter ihm und sah ihm beim Schreiben zu. Neal hatte zuerst nichts dagegen. Aber als Jack’s On The Road sich so langsam zum Buch entwickelte, wußte Neal nicht was er davon halten sollte. Jack erzählte Geschichten die Neal erlebt hatte. Er klang sogar wie Neal.
  Abgesehen davon, dass er manchmal fürchterlich übertrieb. Er machte Neal ausgerechnet wegen jener Eigenarten zum Helden, die dem in Wirklichkeit am meisten zu schaffen machten. Manchmal bekam Neal seine Rastlosigkeit ja wirklich nicht in den Griff. Aber wenn es nach Jack ging, raste er ständig quer durch Amerika.
  „In Wirklichkeit“, sagt Carolyn, „waren die beiden nur dreimal zusammen unterwegs. Neal verpasste zehn Jahre lang keine Schicht bei der Eisenbahn. Er war stolz auf seine Stelle.“
  Sie holt noch zwei Dosen Bier und erzählt, dass sie sich so langsam zwischen ihren beiden Männern entscheiden musste. Zuerst war sie drauf und dran, mit Jack nach Mexiko zu gehen. Aber dann bekamen es beide gleichzeitig mit der Angst. Carolyn dachte an die Kinder und Jack flüchtete zurück zu seiner Mutter und zu dem, was auf einmal nur noch der traurige Rest seines Schriftstellerlebens war.
  Carolyn’s Augen füllen sich mit Tränen. „Danach habe ich ihn nur noch einmal gesehen. Als On The Road rauskam, wurde er von der Presse gekreuzigt. Die hatten sowas noch nie gelesen. Dabei wollte Jack freie Liebe oder Drogen gar nicht anpreisen. Was die Hippies später daraus machten - darum ging es ihm gar nicht. Er wollte gegen nichts protestieren. Er wollte nur in Ruhe sein Marihuana rauchen und mit der Realität nichts zu tun haben. Er war ein Träumer. Armer Jack. Von da an war er praktisch ständig betrunken.“
  Auch mit Neal ging es abwärts. Manchmal beschäftigte er sich tagelang nur mit seinen Autos, er verspielte das gemeinsame Sparbuch beim Pferderennen, schlief oben in seinem Zimmer mit Allen Ginsberg oder mit irgendwelchen Prostituierten und hatte eine Geliebte in der Stadt, die sich nach einem Streit aus dem Fenster stürzte. Drogen sowieso.
  Carolyn wollte sich gerade von ihm trennen, als zwei Polizisten vor der Tür standen. Neal hatte ein paar Hasch-Zigaretten verschenkt. Dummerweise an Zivilfahnder vom Rauschgiftdezernat.
  Nach den zwei Jahren in San Quentin hatte er mit dem Leben abgeschlossen. Seine Fahrerei wurde fast kriminell. Er zeigte so langsam schizophrene Züge. Manchmal erkannte er seine eigene Tochter nicht mehr, oder er saß bei Carolyn im Bad auf dem Fußboden und war völlig verzweifelt, weil er glaubte seinen Sohn umgebracht zu haben.
  Der Tod kam schließlich 1968 auf einer verlassenen mexikanischen Bahnstrecke, nachdem Neal in der Mittagshitze tausende von Bahnschwellen gezählt hatte. Kurz danach starb auch Jack. Er hatte den Rest seiner Leber und literweise Blut erbrochen.
  Carolyn zündet sich noch eine Zigarette an und versucht sich zu fassen. Sie erzählt, dass auch ihr Sohn nicht weit von einer Säuferleber entfernt ist. Vorher war er auf Kokain. Die soeben verdienten 4000 Dollar kann sie eigentlich schon für die Entziehungskur zurücklegen.
  „Meine Kinder und ich, wir haben nichts gemeinsam. Meine älteste Tochter erzählt mir immer, wie froh sie ist, dass ich ihr Kultur beigebracht habe. Aber in Wirklichkeit geht es ihr nur um diese trivialen Amerikanismen. Dicke Autos fahren, Fernsehen, solche Dinge. Sie ist wie ein Zombie - immer nur happy-happy-happy. Ihr Examen hat sie in Aerobic gemacht. Vielleicht ist sie sogar gefährlich.“
  Carolyn lächelt düster vor sich hin. Bei ihrer eigenen Familie macht sie sich nichts vor. Aber wenn es um Jack oder Neal geht, wird sie immer noch weich. Morgen trifft sie sich mit einer Frau, die schon einige Bücher über Jack geschrieben hat und als große Expertin gilt. Dabei ist fast jedes Wort erfunden. Sie hat ihn erst ein paar Tage vor seinem Tod kennengelernt.   Irgendwann wird Carolyn wahrscheinlich noch mit ihr verzweifeln. Sie hat ihr die Geschichte schon hundertmal erzählt. Sie hat ihr sogar ins Gesicht gesagt, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Aber diese Frau ist unbeirrbar. Zuckersüß.
  Carolyn steht langsam auf und zuckt mit den Schultern.
  „Manchmal habe ich das alles so satt. Aber ich komme einfach nicht von der Vergangenheit los. Keiner von diesen Burschen verdient so viel Bewunderung. Ich weiß nicht, warum sie Helden sein sollen, nur weil sie ihr Leben zerstört haben.“
  Im Flur bleibt sie noch einmal stehen. Die Sonne scheint inzwischen durch das Fenster im bonbon-rosa gestrichenen Bad. Neben der Toilette steht ein Eimer mit Wasser. Die Spülung funktioniert schon lange nicht mehr.

Veröffentlicht 1995 in: Frankfurter Rundschau, Rolling Stone und Die Weltwoche, Zürich

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