Mehr als laut

<< Leseprobe aus dem Kapitel über die "alte" Panorama Bar / Berlin >>

 

ANDI TEICHMANN Clubs sind ja oft ein öffentlicher Raum, in dem man sich präsentiert und dadurch auch voneinander abgrenzt. Aber in den Clubs, die ich am schönsten finde, ist genau dieses Moment weg. Da ist wirklich was Gemeinsames vorhanden. Das wird ein Ort, wo man sich wirklich begegnen kann. Nicht nur die Grüppchen, die sich eh schon kennen, sondern alle Leute. Zum Beispiel die Panorama Bar in Berlin. Die war für fast alle DJs der Lieblingsladen. Das war schon fast nicht mehr normal. Eigentlich waren das nur so alte Industriehallen, nicht weit vom Bahnhof Warschauer Straße, direkt an den Gleisen.
KRISTIAN BEYER Unten war das Ostgut. Das war ne Riesenlager-
halle. Das hätte auch aus nem Kinofilm sein können. Alien-Raumschiff. Aber endzeitmäßig abgefuckt halt.
MICHAEL MAYER Die hatten auch eine sehr spezielle Türpolitik. Relativ unberechenbar. Da kamen teilweise sogar Promis nicht rein. Oder selbst wenn du auf der Gästeliste warst: »Nee, du kommst heute nicht rein.« »Wieso? Ich stehe auf der Gästeliste!« »Nein, du kommst nicht rein.« Während dann aber Leute, die keine Kohle hatten, teilweise einfach so reinkamen.
DJ KOZE Unten in der Technohölle, wo du erstmal rein musstest – da bekamst du nen Schock.
Da war gleich ne Halle mit der härtesten Endloszeitmusik. Seelentot und kaputt. Das war einfach Armageddonattacke – wo sich so glatzköpfige Raveschwule behämmern ließen.
DIRK MANTEI Der Laden ist ja mit Fickpartys groß geworden. Die haben donnerstags so Gaypartys gemacht. Für 2 000, 3 000 Leute. Wo man prinzipiell nur nackig hinkam. Wo es prinzipiell nur darum ging, nackig abzugehen. Das ging dann teilweise bis Dienstag und länger – und fing dann wieder von vorne an. Ich habe da unten im großen Raum aufgelegt – beim Techno. Da hast du nicht so frei spielen können. Sondern da war ne Bassdrum angesagt. Und Tempo. Da hatte es hart zu sein. Ab drei oder vier Uhr hatte es da soundmäßig fett auf die Fresse zu gehen.
INGA HUMPE Was ich zum Beispiel irrsinnig amüsant fand: Im Ostgut gab es ja diese Fraktion von ganz harten Oberkörper-frei-Schwulen, mit den dicken Muskeln, die da mit Ledermützen standen oder mit dem Arsch frei. Aber da hast du teilweise Gespräche gehört, wo der eine zum anderen sagt: »Du, dann hat der mich überhaupt nicht mehr angerufen. Ich hatte nen Kuchen gebacken. Und der ist einfach nicht gekommen.« Das fand ich herrlich.
KRISTIAN BEYER Und die Panorama Bar war halt der Houseclub, der oben drüber war, aber zum Ostgut dazugehört hat. Du bist da ne Stahltreppe hoch gegangen. Durch Gänge lang gelaufen. Und da gab's ja tausend Darkrooms. Rechts und links waren überall Eingänge. Teilweise mit Tür. Teilweise ohne Tür. Da hast du ständig die Leute irgendwo verschwinden sehen. Wo du gedacht hast: »Ja klar. Ich weiß Bescheid.«
DJ KOZE Überhaupt dieses Rumlaufen. Leicht angestrahlt. Die Treppe. Und sich erstmal durch so Gänge wühlen müssen. Das finde ich schon immer toll. Wenn man erstmal nen Typen fragen muss: »Sag mal, wo geht's denn hier längs?« »Da längs!« »Hä? Wo?« »Ich glaub, da muss man längs.« Da kann man sich so fallen lassen. Und sich treiben lassen. Und dann in nen Raum reinzukommen und unvorbereitet in den Wahnsinn zu stoßen, das ist immer gut.